Die kirchlichen Ämter Terminologie und theologische

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2 Die Kirche im Hirten des Hermas

3.2 Die kirchlichen Ämter Terminologie und theologische

der christlichen Gemeinden beeinflussen.7 Darum sollen die Ansätze

des Neuen Testaments zu diesem Thema in Beziehung zum Alten Testament gesetzt werden.8 Zudem entwickeln sich die organisatori-

schen Modelle, die sich in den frühen neutestamentlichen Gemeinden gebildet haben, nach Ende des ersten Jahrhunderts und im Laufe des zweiten Jahrhunderts weiter. Das Studium dieser Entwicklungen ist entscheidend.9 Wir stehen vor einem komplexen Prozess, aus dem ein

einfaches Bild zu ziehen sehr schwierig ist.

3.2 Die kirchlichen Ämter. Terminologie und

theologische Ansätze

Im Laufe der Darlegungen ist die Rede von kirchlichen Ämtern gewe- sen, und wir sind jetzt gezwungen den Inhalt dieses Begriffs zu klären. Tatsächlich verwenden wir verschiedene Begriffe, um auf sehr ähnli- che Wirklichkeiten zu verweisen: man spricht von Ämtern, Diensten, Funktionen, Aufgaben, Aufträgen usw.

Aus der Perspektive der Religionsgeschichte ist zu beobachten, wie unterschiedliche Ämter in den verschiedenen religiösen Gemeinden auf die eine oder andere Weise entstehen. Bestimmte Funktionen oder Aufgaben, die für die Gemeinde oder die religiöse Bewegung bedeu- tend sind, werden von Einzelpersonen oder Gruppen eingenommen. Zunächst haben viele religiöse Bewegungen eine charismatische und freie Organisation. Allmählich beginnt ein Prozess der Institutiona- lisierung, und die religiösen Ämter treten auf.10 Die Art der Funk-

7 Vgl. Schweizer, Gemeinde, 9–11 in dieser Hinsicht.

8 In diesem Sinne ist zum Beispiel die Untersuchung der Gestalt der Presbyter in Born- kamm, Günther, Art. πρέσβυς, in: ThWNT 6 (1959) 651–683 sehr aufschlussreich. Er analysiert die Presbyter nicht nur im Neuen Testament, sondern auch im Alten Testament, in der Synagoge, in der jüdischen Verwaltung und im griechischen Zusammenhang.

9 Vgl. Schweizer, Gemeinde, 9. „Es ist selbstverständlich, dass kein Forscher heute das Neue Testament lesen kann, ohne den jüdischen Hintergrund und die frühchristliche Weiterentwicklung stets im Auge zu behalten“.

10 Vgl. Hoheisel, Karl, Art. Amt, Religions- u. Kulturgeschichtlich, in: LThK (2006) 543f. „Sobald sich personengebundene charismatische Qualitäten nicht mehr bewäh- ren, unzureichende Gefolgschaft finden oder Begabte nicht ausreichend zur Verfügung stehen, werden bestimmte Aufgabenbereiche unter Berufung auf das Vermächtnis des Gründers oder in Anlehnung an bereitliegende Muster ohne steuernde Eingriffe von

tionen und Zuständigkeiten jedes Amts wird in der Regel nicht von dem Gründer bestimmt, und die Bedürfnisse der Gemeinde zwingen kein konkretes Modell auf. Deshalb gibt es eine Vielzahl von Organi- sationsmodellen.11 Mehrere religionsphänomenologische Typisierun-

gen der Amtsfunktionen12 und der Gemeindeorganisation lassen sich

erkennen.13 Die Modalitäten der Ernennung des Amtsinhabers sind

auch sehr mannigfaltig.14 Zu diesem religionsgeschichtlichen Phä-

nomen der Ämter gehört auch das Tragen einiger Kennzeichen und manchmal auch ein „geheiligter“ Amtssitz.15

Angesichts der Vieldeutigkeit des Begriffs „Amt“ lässt er sich im weiteren Sinne interpretieren. Unter den vielen Diensten, die inner-

außen Einzelnen zu dauernder Wahrnehmung übertragen“. Nach Frieling, Reinhard, Amt. Laie, Pfarrer, Priester, Bischof, Papst, Göttingen 2002, 16 geschieht die „Veramt- lichung“ „sodann in der Verselbständigung der religiösen Funktion zum ‚Beruf ‘, der spezifische Kenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit Gottheit, mit den Riten und Lehren voraussetzt und der eingebunden ist in eine religiöse Gemeinschaft, die auch für die Existenzsicherung der Amtsperson Sorge trägt“.

11 Vgl. Hoheisel, Amt, 544.

12 Frieling, Amt, 16f. erkennt vor allem drei Amtsfunktionen: das Priesteramt (für die kultisch-rituell Kommunikation mit der Gottheit zuständig), das Lehramt (sehr unter- schiedlich ausgestaltet: Guru, Rabbi, Imam, Prediger, Theologe usw.) und das Prophe- tenamt (nach Herkunft und Wesen charismatisch). Die Zuordnung dieser drei Funkti- onen und Ämter ist in den einzelnen Religionen ziemlich unterschiedlich. Hoheisel, Amt, 544 spricht von drei unterschiedlich ausdifferenzierten Komplexen: „Leitung all- gemein, des Gottesdienstes im weitesten Sinne und Bewahrung der Tradition; häufig gibt es noch Spezialisten zur Erkundung des Willens der Numina“. Kehrer, Günter, Art. Amt I Religionsgeschichtlich, in: RGG4 1 (1998) 422 weist darauf hin, dass man religionsgeschichtlich in erster Linie an Priesterämter zu denken haben wird. „Religiös konnotierte Rollen jedoch, wie Schamanen, Zauberer, Hexer … sollten nicht als Ämter verstanden werden. Ein Amt setzt immer eine zumindest rudimentäre Organisation von Religion voraus“.

13 Frieling, Amt, 17 stellt fest, dass die Ämter in den Religionen zumeist nach Funkti- on und Rang gestuft sind. „Bei einer kollegialen Organisation sind die Kompetenzen freilich anders verteilt als bei einer streng hierarchischen Struktur, welche die Rang- ordnung göttlich begründet und intern klare Gehorsamsregeln kennt“.

14 Nach Kehrer, Amt, 422 reichen sie von der familiären Sukzession über Kauf und Be- lehnung bis zur meritokratischen Konkurrenz. Hoheisel, Amt, 544 nennt verschiede- ne Arten, das Amt zu erlangen, wie z.B.: „die Erbschaft, die Wahl oder die Ernennung (häufig nach erfolgten Eignungsproben oder aufgrund außergewöhnlicher Hinweise wie Träume, Offenbarungen, Entrückungen)“.

15 Vgl. Frieling, Amt, 17. „Die Art der Gewänder kennzeichnet jeweils die unterschied- liche Autorität und Würde des Amtsinhabers“. Hoheisel, Amt, 544 bemerkt, dass die Amtsinhaber „Bart- und Haartracht, Kleidungstücke, Insignien oder besondere Verhaltensweise“ kennzeichnen.

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halb der Gemeinde erbracht werden, gibt es einige, die um der Ord- nung und der Organisation willen von der Gemeinde anerkannt wer- den müssen, besonders diejenigen, „die sich regelmäßig wiederholen und deren Träger aus praktischen Gründen der Gemeinde bekannt sein müssen“.16 Es gibt eine gewisse Einigkeit über die Kriterien, die zu

erfüllen sind, um von einem Amt sprechen zu können: Es handelt sich normalerweise um Funktionen, die dauerhaft, unerlässlich für Fort- bestand und Wachstum der Gemeinde sind und vergütet werden; die Bedeutung dieser Funktionen erfordert eine gewisse formale Anerken- nung, und es gibt Riten und Prozesse für die Ernennung der Amtsträ- ger (wie z.B. der Ritus der Handauflegung), um die Wahrnehmung dieser Funktionen zu garantieren,17 wenn auch die Ämter am Anfang

alle diese Kriterien nicht auf einmal erfüllen müssen.

Welche Begriffe werden im Neuen Testament angewendet, um auf die kirchlichen Ämter zu verweisen? Man verwendet weder die gewöhnlichen griechischen Begriffe für organisatorische Dienste und politische oder religiöse Führungsaufgaben noch liturgische Katego-

16 Schweizer, Gemeinde, 187 verwendet diesen Begriff des Amts. Seiner Meinung nach kann man so einen Dienst „Amt“ nennen, aber dies bedeutet nicht, dass diese Ämter im Wesentlichen anders sind als der Rest der in der Gemeinde geleisteten Dienste. Es handelt sich nach seiner Meinung nur um einen „Ordnungsunterschied“.

17 Nach Brockhaus, Ulrich, Charisma und Amt. Die paulinische Charismalehre auf dem Hintergrund der frühchristlichen Gemeindefunktionen, Wuppertal 1972, 237 hat die Untersuchung ergeben, dass „die sich in den paulinischen frühchristlichen Ge- meinden entwickelnden Funktionen von Anfang an auch amtliche Elemente wie Dau- er, Autorität, Titel, Legitimierung, Sonderstellung und Vergütung enthielten“. Gnil- ka, Joachim, Die frühen Christen. Ursprünge und Anfang der Kirche, Freiburg 1999, 274 meint mit Amt eine dauernde, institutionelle Einrichtung. „Das Amt wird von bestimmten Menschen in der Kirche in der Regel auf Dauer übernommen und ausge- übt und an andere weitergegeben“. Dassmann, Kirchengeschichte, 161f. stellt fest: „Entsprechend ihrem Selbstverständnis haben die frühchristlichen Gemeinden die kirchlichen Ämter geschaffen, die alle die Funktionen übernehmen und Aufgaben er- füllen konnten, die für den Fortbestand und das Wachsen der Kirche notwendig wa- ren. Im Wesentlichen handelte es sich um die Feier des Gottesdienstes, die Verkündi- gung und Bewahrung der wahren Lehre sowie die Leitung und karitative Versorgung der Gemeinde“. Nach Wagner, Jochen, Die Anfänge des Amtes in der Kirche, Pres- byter und Episkopen in der frühchristlichen Literatur, (TANZ 53) Tübingen 2011, 19f. „ist das Amt auf Dauer angelegt (ohne zwingend lebenslang sein zu müssen) … es übt unerlässliche Funktionen für die Gemeinschaft aus; man wird dazu ‚eingesetzt‘“.

rien der jüdischen und griechischen Traditionen.18 Der Begriff, der

häufig verwendet wird, um die Dienste innerhalb der Gemeinde zu bezeichnen, ist διακονία.19 Im Neuen Testament verwendet man die-

sen Begriff, der nicht biblisch oder religiös ist und keine Würde oder besondere Stellung in der Gemeinde mit sich bringt.20

Angesichts der Vielfalt der möglichen Bezeichnungen ist die Aus- wahl des Begriffs διακονία nicht zufällig. Das kirchliche Amt spricht von der Haltung derer, die sich Gott und dem Mitmenschen zur Ver- fügung stellen, nicht von einer Stellung, die Recht und Kompeten- zen mit sich bringt. In dieser Auffassung des Amtes gibt es eine klare christologische Begründung: Das Amt ist eine Fortsetzung des in Jesus Christus offenbarten Verhaltens Gottes, der uns ruft, der Größte im Dienst für den anderen zu werden (Lk 22,27).21

18 In dieser Hinsicht ist die Untersuchung in Schweizer, Gemeinde, 154f. sehr interes- sant. Zusammenfassend stellt er Folgendes fest. Die griechische Sprache ist sehr reich an Begriffen für Amt, wie z. B. ἀρχή, τιμή und λειτουργία. Es handelt sich um eine in der griechischen Kultur sehr geläufige Wortfamilie, die, wenn sie im Neuen Testament verwendet wird, nicht die Ämter innerhalb der kirchlichen Gemeinde bezeichnet. Man benutzt auch die Wortfamilie, die den Priester, das Priestertum und das priesterliche Handeln umgreift, nicht wenn man sich auf die neutestamentlichen Ämter bezieht. Man spricht im Neuen Testament von dem Priestertum Jesu und der Gemeinde, aber nicht vom Priestertum eines Einzelnenoder einer Gruppe, die von anderen nichtpries- terlichen Gemeindegliedern zu unterscheiden wäre.

19 Nach Goppelt, Leonhard, Die apostolische und nachapostolische Zeit (Die Kirche in ihrer Geschichte 1), Göttingen 1962, 121 ist dieser Begriff „in der synoptischen wie in der paulinischen Begriffssprache stehende Bezeichnung für Funktionen im Rahmen der Gemeinde, bezeichnenderweise nicht für Dienstleistungen gegenüber dem Nächs- ten oder in den Ständen. διακονία ist Dienst, der zur Sammlung und Erhaltung der Ge- meinde geschieht, der Glauben begründet und erhält, also kirchliches Amt“ (158).

20 Vgl. Schweizer, Gemeinde, 157f. Die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes war „zu Tische dienen“ und diese Bedeutung ist noch in der allgemeinen Ver- wendung des Wortes διακονία wahrnehmbar. Dieser Ausdruck „bezeichnet fast durch- wegs etwas Minderwertiges, kann aber im Hellenismus auch die Haltung des Weisen gegenüber Gott umschreiben“.

21 Vgl. ebd., 161f. Er findet in solchem Verzicht auf Titel und Würden einen Ausdruck der Neuheit dieser „Gemeinde gegenüber der alten religiösen oder nicht nichtreligiö- sen Ordnung“. Kertelge, Karl, Art. Amt. Im NT, in: LThK 1 (1993) 546 stellt fest, dass die kirchlichen Dienste in der Sendung Jesu als des „dienenden Menschensohnes“ (Mk 10,45; Lk 22,27) „ihren Grund und Maßstab“ finden.

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