5. Diagnose

5.3. Diagnostische Bezugsnormen

Voraussetzung für jede Leistungsbeurteilung325 ist die Ermittlung einer schriftlichen bzw.

mündlichen Schülerleistung, die sich nach Umfang und Qualität ausdifferenzieren lässt. Bezüglich Schule und Unterricht bedeutet dies, dass die Punktesumme eines Testes allein nicht ausreicht, um Leistung326 festzustellen. Zusätzlich zur erreichten Punktezahl wird für die

Einschätzung ein Maßstab benötigt, mit dem man das Ergebnis der Arbeit vergleichen kann, da die Punktezahl und somit die Note sonst beliebig festgesetzt werden könnten. Diese vorgegebenen Standards werden als Bezugsnorm bezeichnet: „Bezugsnormen sind Standards, mit denen man ein Resultat vergleichen muss, wenn man das Resultat als Leistung bewerten will.“327

Für Lehrpersonen ist es wichtig, sich mit den verschiedenen Bezugsnormen auseinander zu setzen, da auf Leistungsebene verschiedene Normen unterschiedliche Facetten desselben Resultates sichtbar machen können. So wird im System der Bezugsnormen die Sozial-, Individual- und Sachnorm unterschieden. Die Entscheidung zugunsten einer der drei Bezugsnormen beeinflusst die Wahrnehmung und die Bewertung des zu erfassenden Merkmals und hat somit Einfluss auf die Leistungsbeurteilung.328

Die fachdidaktische Diagnose des konzipierten Vignettentests orientiert sich an der Individual- bzw. der Sachnorm.

Sozialnorm

Bei der Sozialnorm handelt es sich um eine im schulischen Alltag auch heute noch weitverbreitete Norm. Der Notenspiegel einer Klasse stellt ein altbekanntes Beispiel einer Sozialnorm dar. Das Resultat einer Schülerin bzw. eines Schülers wird mit den Resultaten einer sozialen Bezugsgruppe (z. B. einer Klasse, einem Jahrgang, allen Schülern eines Landkreises) verglichen bzw. zueinander in Beziehung gesetzt. Möchte die Lehrerperson wissen, ob die sprachlichen Fähigkeiten einer Schülerin bzw. eines Schülers altersangemessen sind, muss sie deren bzw. dessen Leistungen mit denen ihrer bzw. seiner entsprechenden Altersgruppe vergleichen. Sozial bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine gleichaltrige Bezugsgruppe,

325 Bei einer Leistungsbeurteilung handelt es sich um ein Gutachten einer erbrachten Leistung, die sich aus unterschiedlichsten Kriterien zusammensetzt und summativ in Form einer Note zum Ausdruck gebracht wird. Vgl. Christoph Kühberger: Leistungsfeststellung im Geschichtsunterricht. Diagnose-Bewertung-Beurteilung. Schwalbach 2014, S. 11.

326 Leistungen können nach der Definition von Wolfgang Klafki als Ergebnis und Vollzug einer Tätigkeit verstanden werden, „(…) die mit Anstrengung und gegebenenfalls Selbstüberwindung verbunden ist und für die Gütemaßstäbe anerkannt werden.“ Wolfgang Klafki: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. Weinheim 1996, S. 124.

327 Falko Rheinberg: Bezugsnormen und die Beurteilung von Lernleistungen. In: Wolfgang Schneider/Marcus Hasselhorn (Hrsg.): Handbuch der Pädagogischen Psychologie. Hogrefe 2008, 178-186, hier S. 178.

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wie die Klassengemeinschaft oder die Geschlechtergruppe, als Vergleichsmaßstab herangezogen wird.329 Diese Art der Bezugsnorm eignet sich eher für Selektionsfunktionen und ist stark normorientiert. Verwendet man im Unterricht diese Norm, kann mit ihr das Leistungsniveau einer sozialen Einheit klar festgestellt werden. Der Vergleich eines Einzelnen mit anderen macht für die Lehrkraft deutlich, wer bessere bzw. schlechtere Ergebnisse erzielt und wer zu den schwächeren Schüler*innen einer Klasse gehört. Soziale Bezugsnormen unterliegen einem ständigen Wandel und sind jeweils nur für die gewählte Gruppe und den gewählten Zeitraum aktuell. Dahingehend kann ein Leistungszuwachs der Gruppe oder des Einzelnen durch die Sozialnorm nicht deutlich gemacht werden, da die Norm bei gleichbleibender Leistungsrangordnung das Vorankommen in der Klasse nicht berücksichtig. Diese Schwächen der sozialen Bezugsnorm, hier insbesondere die starke Selektionsfunktion, führen zum Vorschlag330, darauf bei diagnostische Untersuchungen zu verzichten.

Individualnorm

Die Individualnorm vergleicht Entwicklungsfortschritte. Das aktuelle Resultat einer Schülerin bzw. eines Schülers wird mit einer vorher erbrachten Leistung verglichen. Leistungsveränderungen stehen somit bei der Individualnorm im Vordergrund. Wichtige Fragen bei der Arbeit mit der Individualnorm können sein: „Konnte sich der Schüler in einem bestimmten Zeitraum verbessern, stagniert die Leistung oder hat sie sich gar verschlechtert?“331 Veränderungen in den Kenntnissen und Fähigkeiten des Einzelnen werden durch diese Norm deutlich. Legt die Lehrperson im Unterricht den Fokus auf die individuelle Bezugsnorm, ist sie in der Lage zu erkennen, wie viel und ob die einzelne Schülerin bzw. der einzelne Schüler überhaupt gelernt hat. Die Individualnorm „kommt dem Wunsch nach angemessener Würdigung der Leistung der Einzelnen nach und trägt dazu bei, dass Leistungen optimal bekräftigt und Entmutigungen vermieden werden können.“ 332 Somit erweist sich die

Individualnorm für schwächere Schüler*innen als motivierend, es erfolgt eine wertschätzende Rückmeldung. Die Individualnorm sollte immer wieder durch die Sozialnorm ergänzt werden, um sicher zu stellen, dass Leistungsrückstände nicht auf gravierende Beeinträchtigungen von Entwicklungsvoraussetzungen zurückzuführen sind.

329 Vgl. Werner Kany/Herman Schöler: Diagnostik schulischer Lern- und Leistungsschwierigkeit. Ein Leitfaden. Stuttgart 2009, S. 52.

330 Vgl. Peter Adamski: Historisches Lernen diagnostizieren. Lernvoraussetzungen-Lernprozesse- Lernleistungen. Schwalbach/Ts. 2014, S. 18.

331 Vgl. Kany/Schöler (Anm. 329), S. 56.

332 Renate Amrhein-Kreml u. a.: Prüfungskultur. Leistungen und Bewertungen (in) der Schule. Klagenfurt 2008, S. 40

94 Sachnorm

Die Bewertung von schulischen Leistungen, Wissen und Kompetenzen erfolgt in der Regel durch die Sachnorm. Durch den Bezug zur Sachnorm wird eine Leistung nicht mit den Leistungen einer Bezugsgruppe, sondern anhand festgelegter Kriterien, wie z. B. den curricularen Lernzielen der einzelnen Fächer, verglichen. Wenn am Ende der Grundschulzeit die Grundrechenarten beherrscht werden müssen, handelt es sich hierbei um eine Sachnorm. Vor der Leistungsüberprüfung muss von der Lehrperson festgelegt werden, welchen Kriterien die Schüler*innen entsprechen sollen, um die Aufgabe zu erfüllen und einen entsprechenden Leistungsgrad zu erreichen. Verwendet die Lehrperson im Unterricht ausschließlich die sachliche Bezugsnorm, wird für die Schüler*innen sichtbar, wie weit der Einzelne noch vom Lernziel entfernt ist.

Bei der Sachnorm ist es für den Einzelnen unbedeutend, inwiefern er besser oder schlechter abschneidet als der Rest seiner Klasse (soziale Bezugsnorm). Wird diese Norm verwendet, ist es für die Schülerin bzw. den Schüler wichtig, ob die eigene Leistung den erwarteten Standard erfüllt. Durch die ausschließliche Orientierung an dieser Norm wird der einzelnen Schülerin bzw. dem einzelnen Schüler nicht deutlich, inwiefern sich bereits ein Lernzuwachs eingestellt hat und wie er sich im Vergleich zu seinen Klassenkameraden verhält. Sachliche Bezugsnormen werden dort verwendet, wo bestimmte Mindestkompetenzen erreicht sein müssen, wie z. B. die Punktzahl für das Bestehen des Abiturs.

Alle dargestellten Bezugsnormen weisen unterschiedliche Akzentuierungen auf und besitzen je nach Verwendung bestimmte Vor- und Nachteile. Je nach didaktischer Absicht können verschiedene Normen als Bezugsgröße für eine Einordnung von erbrachten Leistungen herangezogen werden. Dabei sind Bezugsnormen als Standard zu verstehen, an denen Ergebnisse der Leistungsfeststellung rückgebunden werden, um verschieden Grade von Leistungen unterscheiden zu können.333

Sozialnorm Individualnorm Sachnorm

Das Resultat eines bzw. einer einzelnen Schülers bzw. Schülerin wird mit dem Resultat einer Bezuggruppe verglichen (Beispiel: Notenspiegel).

Das aktuelle Resultat eines bzw. einer Schüler bzw. Schülerin wird mit der vorher erbrachten Leistung verglichen.

Das Resultat eines bzw. einer Schüler bzw. Schülerin wird mit festgelegten Kriterien verglichen (Beispiel: Bildungsplan).

Tabelle 8: Bezugsnormen334

333 Vgl. Kühberger (Anm. 325), S. 10.

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Mit Blick auf die Praxis ist anzumerken, dass die beschriebenen Bezugsnormen häufig in Mischformen vorkommen. Die einseitige Verwendung einer Bezugsnorm würde sich unter Umständen negativ auf die Leistungsentwicklung einer Schülerin bzw. eines Schülers auswirken. Nach Rheinberg335 ist die Einschränkung, sollten Lehrperson sich in ihren Beurteilungen auf nur eine Bezugsnorm beziehen, nicht sinnvoll. Vielmehr sollte, je nach Beurteilungssituation, eine geeignete Kombination aus verschiedenen Bezugsnormen gewählt werden. Wichtig bei der Verwendung einer Mischform ist die Passung von sachlicher und individueller Bezugsnorm.336 Aus der Sozialpsychologie ist schon lange bekannt, dass Individuen immer wieder soziale Vergleiche suchen, um sich der eigenen Einschätzung und insbesondere der eigenen Fähigkeiten sicher zu sein. 337 Deshalb sollte, je nach Beurteilungssituation, eine geeignete Kombination aus verschiedenen Bezugsnormen zum Einsatz kommen.

Im Dokument Feedback und Diagnose beim historischen Lehren und Lernen - Entwicklung eines Vignettentests zur Erfassung professioneller Kompetenz bei angehenden Lehrkräften (Seite 95-98)