3. Feldforschung in Bathore

3.3 Datenerhebung: Planung und Anpassung der angewandten Methoden

Damit ein Ethnologe in einem fremden Umfeld forschen, insbesondere teilnehmend be- obachten kann, ohne größeren Einfluss auf Praktiken und Interaktionen der untersuchten Personen zu üben – den ein Ethnologe doch nie ganz vermeiden kann – ist Vertrauen erfor- derlich. Der Aufbau und Erhalt von Vertrauen erfordert Zeit. So verbrachte ich viel Zeit in Bathore, baute personalisierte Beziehungen zu Bewohnern dieser Siedlung auf, die aufgrund von gemeinsamen Erlebnissen mit positiven Erfahrungen besetzt wurden. Auf diese Weise wurde ich für insbesondere für Frauen zu einer vertrauenswürdigen Freundin (´shoqe`). Bei einer ethnologischen Forschung ist zudem immer zu berücksichtigen, dass es Divergen- zen zwischen beschriebenen Regeln und Normen und der tatsächlich gelebten Praxis gibt. Um diese zu erkennen, ist eine Kombination aus eher standardisierten Methoden wie Leitfa- deninterviews, einer sozialen Netzwerkanalyse und Genealogien sowie aus nicht- standardisierten Methoden wie teilnehmender Beobachtung und formlosen Alltagsgesprä- chen sinnvoll (Schnegg et al.: 2010 25ff.). Demgemäß hatte ich eine Mischung aus verschie- denen Methoden vor, die mir ein allumfassendes Verständnis von Alltag in einer informellen Siedlung in Tirana im Kontext von Migration und Verstädterung liefern sollten. Die Hauptme- thoden sollten teilnehmende Beobachtung und Leitfrageninterviews sein. Doch ich musste die methodische Herangehensweise den vorgefundenen Begebenheiten anpassen.

42 Wichtige Themenbereiche wie Wissen um Regeln und Normen und deren Umsetzung sowie Wahrnehmungen davon sollten gezielt durch Leitfrageninterviews erfasst werden. Dieses Vorhaben erwies sich jedoch kaum als umsetzbar, so dass ich insgesamt nur 15 standardi- sierte Interviews führen konnte. Dies mag unter anderem daran liegen, dass alltägliche Er- fahrungen, Bewegungen, soziale Praktiken und Interaktionen kaum unmittelbar abrufbar sind, da sie unhinterfragt und selbstverständlich durchgeführt werden. Meine Gesprächs- partner waren indes generell nicht darauf vorbereitet, mit konkreten Fragen konfrontiert zu werden, und reagierten darauf mit Unverständnis und auch mit Ablehnung. Die dort übliche Kommunikation folgt häufig einer bestimmten Abfolge, bei der die Form wichtiger als der darin vermittelte Inhalt ist; beispielsweise ist bei einer alltäglichen Begrüßung unter Nachbarn ein bestimmtes Frageschema mit Fragen und Gegenfragen einzuhalten. Dieses Kommunika- tionsmuster ist auf die sozialistische Vergangenheit zurückzuführen, als sich auf die eigene

Ingroup berufen und außenstehenden Gruppen misstraut wurde. Dieses wurde so sehr ver-

innerlicht und habitualisiert, dass es bis heute fortbesteht (Roth 2005: 226ff., 2000: 179ff.). Darüber hinaus ist das zurückhaltende Verhalten meiner Gesprächspartnerinnen auf die niedrige soziale Stellung von Frauen zurückzuführen, die das Gewohnheitsrecht kanun vor- schreibt (Gjeçov/Fox 1989: 13ff.). Auch die Anzahl und das Geschlecht der anwesenden Personen waren ausschlaggebend. Daher führten also diverse Faktoren, die je nach Person, Situation und Umfeld variierten, dazu, dass mein Vorhaben, mit Leitfragen gezielte Themen zu erfassen, nicht wie geplant zu realisieren war.

Wie geplant konnte ich indes die Praxisebene durch teilnehmende Beobachtung erfassen, die eine der Hauptmethoden darstellt. Durch regelmäßige Anwesenheit konnte ich gelebte alltägliche soziale Praktiken, Interaktionen und Beziehungen beobachten und daran passiv und auch aktiv teilnehmen. Dies schloss auch Begleitspaziergänge ein, die mir räumliche Bewegungen und physischen Grenzen aufzeigten. Wenn es möglich war, hielt ich Alltagssi- tuationen auch mit Fotografien fest, doch vielen Personen in Bathore war es unangenehm, in Alltagssituationen aufgenommen zu werden. Wie sich außerdem herausstellte, enthielten nicht-standardisierte und beiläufig wirkende Alltagsgespräche wesentlich mehr Informationen als formalisierte Gesprächs- oder Interviewsituationen. So ließ ich in solche Gespräche dem Kontext angepasste Fragen zu Alltag und sozialen Beziehungen einfließen.Auf diese Weise ermittelte ich auch die Ebene des Wissens und der Wahrnehmungen. Hierbei galt es auf- grund der relativ natürlichen Gesprächsatmosphäre, die Gradwanderung zwischen einem Alltagsgespräch unter shoqe (´Freundinnen`) und einem formalisierten Gespräch zwischen Informanten und einer Ethnologin zu schaffen: Die Befragten sollten sich ungestört fühlen, aber nicht vergessen, dass sie Informationen zu Verfügung stellten. Auf Vertrauensbasis des sprachen einige Frauen auch intime Themen an, die in formalisierten Forschungssituationen nicht abfragbar wären. Hier galt es für mich, diese tatsächlich vertraulich zu behandeln. Räumliche Wahrnehmungen und mentale Grenzen sollten auch anhand von mental maps

43 erhoben werden, die subjektiv wichtige Wege, Orte, Grenzen und Eckdaten offenbaren. Die Umsetzung davon war jedoch schwierig, da die Befragten weder verstanden, warum sie eine Karte zeichnen sollten noch sich dazu befähigt fühlten. Gegenüber solchen Unternehmungen waren Kinder und Jugendliche offener als Erwachsene und setzten sie spielerisch um. Ein- mal zeichneten sechs Kinder aus der Nachbarschaft auf einer Wandtafel ihr Bild von Batho- re, nachdem ihre Mütter meine Anfrage genervt abgetan hatten. Daraus entstand ein interak- tives Projekt, an dem sich schließlich doch eine der Frauen beteiligte. Zu einem anderen Zeitpunkt zeichnete mir ein zwölfjähriges Mädchen ihre Nachbarschaft mit Detailinformatio- nen wie Namen und Herkunft auf (siehe Anhang: mental map 9). Öfters stellte ich fest, dass besonders Mädchen im Alter von zehn bis 14 Jahren motivierte Helferinnen waren. Sie dür- fen sich in Bathore im Gegensatz zu den bereits verlobten Mädchen (ab 15 Jahren) oder verheirateten Frauen freier und unkontrollierter bewegen.

Foto 9: Interaktives Projekt: Mental map von Bathore (Foto: Haas)

Die erhobenen mental maps, die dem Anhang beigefügt sind, zeigen subjektive Interpretati- onen von Räumen, Orten und Distanzen in Bathore. Aus diesen geht hervor, dass von grö- ßeren Räumen wie Albanien oder auch Tirana nur sehr abstrakte und vage Vorstellungen vorhanden sind, während bei konkreten Räumen wie der eigenen Nachbarschaft Detailin- formationen über alle Nachbarn mit Namen, Herkunft und Migrationsdatum abrufbar sind. Dahingegen wird Wissen um Verwandtschaft unhinterfragt erlernt, so dass den Befragten Angaben und Erklärungen auf meine Fragen dazu schwerfielen. Genealogien waren daher eine effektive Methode, um detaillierte Informationen zu Verwandtschaft zu ermitteln. Wie Barnard und Good feststellen, können anhand von Genealogien nicht nur Verwandtschafts- kategorien, sondern auch tatsächliche und potentielle Sozialbeziehungen und soziale Orga- nisationsformen erhoben werden (Barnard/Good 1984: 9, 23ff., 41ff.). Da verheiratete Frau- en mit zwei patrilinearen Abstammungsgruppen, der gebürtigen und der eingeheirateten, verbunden und Träger eines doppelt so großen Verwandtschaftswissens wie Männer sind, waren sie dafür die geeigneteren Ansprechpartnerinnen. Auch ist das Wissensspektrum von Frauen breiter aufgestellt: Sie können fast alle Mitglieder beider Abstammungsgruppen in- klusive Namen, Alter, Beruf, Wohnort und Kinder aufzählen, während Männer häufig nur die

44 Abfolge ihrer männlichen Agnaten über drei bis vier Generationen rezitieren können. Dieses komplexe Wissen von Frauen lässt sich dadurch erklären, dass Ehefrauen sich ihre Position innerhalb der neuen Gruppe, der ihres Ehemannes, erst erarbeiten und sich um die Aner- kennung durch Ehemann und Schwiegereltern bemühen müssen. Die Stellung der Männer als Erhalter ihrer Abstammungsgruppe ist hingegen relativ stabil und schwieriger anzufech- ten. Die Ahnen einer patrilinearen Abstammungsgruppe spielen jedoch in alltäglichen Le- benswelten in Bathore kaum mehr eine Rolle. Nur die Großelterngeneration weiß detaillierter darüber Bescheid weiß, doch zu dieser war eine Kontaktaufnahme für mich als ausländische junge Frau nur sehr begrenzt möglich.

Um meine Informanten langsam an Genealogien heranzuführen, entwarf ich zunächst eine Muster-Genealogie mit der albanischen Verwandtschaftsterminologie, soweit ich sie auflisten konnte. Ich bat sie, darauf die jeweiligen Kategorien zu überprüfen, gegebenenfalls zu ver- bessern oder zu erweitern und mir spezielle Bedeutungen zu erläutern. Mithilfe dieser Mus- ter-Genealogie erstellten wir daraufhin ihre jeweilige Genealogie, wobei ich auf mir die Rei- henfolge der Benennung der Verwandten auffiel. Geschwister wurden nicht nur dem Alter, sondern auch dem Geschlecht nach aufgeführt: Brüder, die für die Verwandtschaftsgruppe als wichtiger angesehen werden, wurden zuerst genannt, daraufhin die Schwestern. Hierbei zeigte sich auf, dass nicht nur Einschließen bestimmter Verwandte Aufschluss über Bezie- hungen gibt, sondern auch bewusstes Ausschließen. Wurden Verwandte nicht aufgezählt, dann hatten die Befragten in den meisten Fällen keinen Kontakt oder lagen im Konflikt mit diesen. Während der Datenerhebung entwickelten sich immer wieder themenspezifische Gespräche, durch die ich zusätzliche Informationen erhielt. So stieß ich immer wieder auf neue Begriffe oder bereits bekannte, die in einem anderen Kontext verwendet wurden und mir erneut erklärt werden mussten. Insgesamt erhob ich Genealogien von acht einfachen bis mehrfach erweiterten Haushalten der oben genannten Nachbarschaften (Tabelle 2 im An- hang), die die egozentrierte Verwandtschaft mit den Namen der Verwandten inklusive – wenn möglich – Geburts- und Aufenthaltsort, Alter, Ehepartner, Kinder und Beruf umfassen. Diese Daten wurden mithilfe eines Computerprogrammes geordnet, so dass ermittelt werden konnte, welche Angehörige einer erweiterten Verwandtschaft an welchen Orten leben. Da- durch wird die räumliche Verteilung einer Verwandtschaftsgruppe über Tirana, Albanien, Europa und weltweit aufgezeigt.

Die erweiterte Verwandtschaft (I) zweier verbundener Haushalte der Nachbarschaft 1 und 2, deren Mitglieder vorrangig aus den Gemeinden Mustafaj und Lura in Dibër kommen, besteht aus 310 Personen aus sieben Generationen mit 48 Nachnamen. Wenn jeder Nachname einem patrilinear erweiterten Haushalt entspräche, würde daraus folgen, dass ein erweiterter Haushalt im Durchschnitt sieben Personen umfassen würde. Da jedoch von manchen Haus- halten nur wenige Personen oder nur eine aufgenommen wurden, bestehen andere Haushal-

45 ten aus mehr als 20 Personen. Die 251 Personen mit Wohnortsangabe sind auf 43 Orte ver- teilt: 40 Personen davon leben in Bathore, 55 in den Heimatdörfern in Dibër, fünf in Kukës und 56 Personen in anderen Vororten von Tirana. Zwölf Personen sind im Zentrum von Tira- na und Laprakë, einem zentrumnahen Viertel, ansässig. Insgesamt leben von dieser erwei- terten Verwandtschaft aus Dibër 147 Mitglieder, also mehr als die Hälfte, in der Hauptstadt- region. Im Ausland leben den Angaben nach nur 41 Personen, wobei darunter nicht alle Emigranten fallen. Als Wohnsitz eines saisonal migrierten Familienmitgliedes oder Verwand- ten wurde meist Albanien angegeben, da Arbeitsmigration zum einen als temporär gilt, zum anderen als selbstverständlich, so dass sie nicht explizit aufgeführt werden muss.

Die Verwandtschaft (II) einer benachbarten Familie in der Nachbarschaft 1 umfasst insge- samt 76 Personen aus fünf Generationen mit zwölf Nachnamen. Sie ist wesentlich kleiner als obige, da es sich um die Verwandtschaft einer Kernfamilie und nicht eines erweiterten Haus- haltes handelt. Der Wohnort ist von 62 Personen, die über 15 Orte verteilt sind, bekannt. In Bathore lebt nur diese eine Familie mit sieben Mitgliedern, die dem älteren Bruder des Fami- lienvaters Mitte der 1990er Jahre dorthin folgte. Dieser lebt mittlerweile in Laprakë, einem zentrumsnahem Viertel. In Dibër wohnen 35 Personen, im Ausland, vor allem in Italien, 16. Auch hier wurden Aufenthaltsorte vieler Emigranten nicht extra erwähnt. Eine erweiterte, in sich geschlossene Unternachbarschaft in derselben Nachbarschaft bilden zwei erweiterte Haushalte mit jeweils zwei Brüderpaaren, die über eine Frau – Ehefrau beziehungsweise Schwester – miteinander verbunden sind (Verwandtschaft III). Die Genealogie dieser Nach- barschaft weist 84 Personen aus vier Generationen mit 18 Nachnamen auf. Hier wurden Eltern sowie Geschwister und Kernfamilien der Angehörigen dieser vier benachbarten Fami- lien ermittelt. Die 73 Personen, deren Wohnsitz erfasst wurde, leben an 26 Orten: in Kamza und Bathore 32, in der Heimatregion Dibër 31 und im Ausland zehn.

Die erweiterte Verwandtschaft (IV) eines Haushaltes der Kukës-Nachbarschaft besteht aus 123 Personen aus sechs Generationen mit 17 Nachnamen. Von 106 Personen, die auf 25 Orte verteilt sind, ist der Wohnort bekannt: In Bathore leben 34 der aufgenommenen Perso- nen, 32 Mitglieder der patrilinearen Verwandtschaft leben in der Gemeinde Suharekë (Suva Reka) des Nachbarlandes Kosovo. 14 Personen migrierten ins europäische und außereuro- päische Ausland. Bezeichnend ist, dass keiner der Personen noch in Kukës lebt. Eine ge- schlossene Unternachbarschaft innerhalb dieser Nachbarschaft aus Kukës bildet ein patrili- near erweiterter Haushalt. Dessen Genealogie besteht aus 79 Personen aus drei Generatio- nen mit zwölf unterschiedlichen Nachnamen (Verwandtschaft V). 70 Personen wohnen an 18 unterschiedlichen Orten, von den restlichen Personen ist der Wohnsitz unbekannt. In Batho- re leben insgesamt 32 Personen, im europäischen Ausland acht, in Kukës nur noch fünf. Die Verwandtschaftsgruppe (VI) der Familie, die aus dem Dorf Valias nahe Kamza in die Stallstraße (Nachbarschaft 4) gezogen ist, besteht aus 91 Personen aus drei Generationen

46 mit neun Nachnamen. Hier zeigt sich, dass Mitglieder dieser Verwandtschaft räumlich weni- ger verteilt sind als jene aus Nordostalbanien: 45 Mitglieder dieser Verwandtschaft sind in Bathore und Valias ansässig, in anderen Vororten und Dörfern rund um Tirana leben 36 Mit- glieder, die restlichen in der Nachbarstadt Krujë. Zuletzt nahm ich die Verwandtschaft eines Einheimischen aus dem Nachbarort Zallherr auf (Verwandtschaft VII). Er lebt als einziger der Befragten an seinem Geburtsort, hat aber auch Migrationshintergrund, da er von 2005 bis 2009 in Thessaloniki gearbeitet hat. Seine Verwandtschaft umfasst 90 Personen aus drei Generationen mit 18 Nachnamen, die an sieben Orte ansässig sind. Die Mehrheit von ihnen lebt in Zallherr (51 Personen) und in Fushë Krujë (24 Personen), unweit von Tirana. Die Ge- nealogien der Verwandtschaft VI und VII verdeutlichen also, dass die Verwandtschaftsgrup- pen aus der Umgebung von Tirana tendenziell weniger mobil sind als solche aus Dörfern Nordostalbaniens, deren Mitglieder sich auf das gesamte Land sowie auf das Ausland vertei- len. Bathore ist jedoch mehrheitlich der Hauptresidenzort.

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 52-57)