Die christlichen Gemeinden von Rom

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 48-52)

2 Die Kirche im Hirten des Hermas

2.6 Die christlichen Gemeinden von Rom

sich eine einzige kirchliche Realität im Laufe des gesamten Werkes wahrnehmen.72

Im kirchlichen Bild des Turmbaus in Sim IX spricht Hermas plötz- lich vom Reich Gottes. Im Hirten des Hermas wird die βασιλεία τοῦ θεοῦ zwölfmal und nur in Sim IX (Sim IX 12,3.4.8; 13,2; 15,2.3; 16,2.3.4; 20,2.3; 29,2) erwähnt. Hier verwendet Hermas die Formel „Eingehen ins Reich Gottes“, wo er sonst „vom Einlass in den Turm redet“.73 Brox glaubt, dass „Reich Gottes“ kein Wechselbegriff für „Kir-

che“ ist und dass sich „Reich Gottes“ in diesem Zusammenhang auf das Endziel und das eschatologische Heil der Christen bezieht.74 Dennoch

hat die Kirche bei Hermas auch eschatologische Konnotationen und, wie Frick feststellt, rücken Reich Gottes und Kirche bei Hermas „sehr nahe zusammen“, denn die Kirche stellt eine himmlische Größe dar, die am Ende der Tage die βασιλεία τοῦ θεοῦ bilden wird.75

2.6 Die christlichen Gemeinden von Rom

Jüngste Studien zeigen ein besonders großes Interesse an dem sozio- logischen Kontext, in dem sich die christlichen Gemeinden in Rom entwickeln. Im Folgenden nehme ich einige Fakten und Hypothesen, die die Forschung der Autoren wie z.B. Lampe76 und Leutzsch77 bei-

gesteuert hat.

Lampe stützt sich auf verschiedene Quellen in seinen Studien und kommt zu dem Schluss, dass sich die zwei frühesten christlichen Sied- lungen von Rom in Trastevere und an der Via Appia befunden haben, während die Präsenz von Christen in den Vierteln Aventin und Mars- feld weniger gesichert ist. Es gibt keinen Beweis für die Existenz von

72 Vgl. Schneider, Propter, 420.

73 Brox, Hirt, 532.

74 Vgl. ebd.

75 Vgl. Frick, Reich-Gottes, 32f. „Die ideale und die empirische Kirche fallen für Her- mas am Anfang und prinzipiell zusammen, ebenso am Schluß, wo die Kirche vollen- det, eben das Reich Gottes ist.“

76 Lampe, Peter, Die stadtrömischen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten. Un- tersuchungen zur Sozialgeschichte, Tübingen 1987.

77 Leutzsch, Martin, Die Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit im „Hirten des Hermas“, Göttingen 1989.

christlichen Zellen in den alten republikanischen Grenzen Roms, in denen die Verehrung fremder, ausländischer Götter ausgeschlossen war.78

Der Ort der Siedlung der Gemeinden untermauert die Vermu- tung über die soziale Zusammensetzung der Gemeinden in Rom. Im Zeitraum, den Lampe analysiert (die ersten beiden Jahrhunderte n. Chr.), gehört die Mehrheit der Gläubigen den unteren Volksschich- ten an. In der Gemeinde des Hermas gab es aber schon eine Gruppe wohlhabender Christen.79 Ich werde mich eingehender mit der sozia-

len Zusammensetzung der Gemeinde des Hermas im vierten Kapitel beschäftigen.80 Die christlichen Gemeinden konnten durch ihre sozi-

al-karitative Arbeit eine wichtige Aufgabe erfüllt haben, um die Integ- ration vieler Menschen in die Gesellschaft zu erleichtern und die sozi- ale Lage derjenigen zu verbessern, die dem Christentum beitraten.81

78 Vgl. Lampe, Christen, 30f. Dieser Autor verwendet fünf Methoden, um die geographi- sche Lokalisierung der römischen Gemeinden in Rom in den ersten beiden Jahrhunder- ten festzustellen: 1) Die existierenden Lokaltraditionen; 2) Die frühesten Grabplätze; 3) Die Lage der Judenviertel; 4) Die Lokalisierung der römischen Tituli; 5) Zeitge- nössische literarische Informationen über die Lokalisierung der Erwerbstätigkeiten der Christen in jener Zeit (10–30). Saxer, Victor, Rezension. P. Lampe, Die Stadt- römischen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten, in RSCI 42 (1988) 203–205 und D`Anna, Alberto, Considerazioni a margine del libro di P. Lampe, From Paul to Valentinus. Christians at Rome in the First Two Centuries, in: ASEs 23 (2006) 500f stellen die Verwendung dieser fünf Methoden in Frage. Einerseits sollte Lampe nach einer chronologischen Ordnung der Quellen zuerst die Lokalisierung der Synagogen, danach die literarischen Quellen und drittens die frühesten Grabplätze analysieren. Andererseits sind die ersten Zeugnisse der „Tituli“ erst aus der Zeit anfangs des vierten Jahrhunderts und sie könnten die Lokalisierung der christlichen Gemeinde im vierten Jahrhundert oder frühestens im dritten Jahrhundert beweisen. Nach Guidobaldi, Federico, Seminari di Archeologia Cristiana. Seduta del 13 Dicembre 1984, in: RivAC 61 (1985) 350–357 und Janssens, Jos, Rezension von Peter Lampe, Die städtromi- schen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten, in: Gr. 70 (1989) 388 ist es nicht bewiesen, dass die Tituli auf Domus Ecclesiae gebaut worden waren.

79 Vgl. Lampe, Christen, 113.

80 Vgl. 4.2.3.1.

81 Lampe, Christen, 114 stellt fest, dass das Christentum an diesem Punkt ohne Zweifel einen sozialintegrativen Beitrag zur Gesamtgesellschaft leistet. „Wenigstens die Posi- tion desjenigen hebt sich ein wenig, der am Rande des Existenzminimums darbt und in der christlichen Gemeinschaft nun materielle Unterstützung für seinen Lebensun- terhalt findet. Hermas wollte darüber hinaus die soziale Position der reichen Christen senken, indem er ihnen empfahl, ihre mannigfaltige Geschäftstätigkeit einzuschrän- ken und von Luxus Abstand zu nehmen“. Es ist fraglich, ob das ihm in größerem Um- fang gelungen war. „Immerhin bringen die wohlhabenden Christen ein beachtliches

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Die Bemühungen die Größe der christlichen Gemeinde in Rom im zweiten Jahrhundert zu berechnen sind aufgrund der Knappheit der Daten erfolglos geblieben. Tatsache ist, dass im Laufe des zweiten Jahrhunderts die Zahl der Mitglieder stieg und in der Zeit des Her- mas die Gemeinde bereits eine große Anzahl von Mitgliedern hatte.82

Bis zum dritten Jahrhundert war die vorherrschende Sprache der römisch-christlichen Gemeinde das Griechische. Diese Tatsache untermauert die These, dass eine Mehrzahl der stadtrömischen Chris- ten griechisch-sprechende Einwanderer waren.83

Der Ort der Begegnung und der liturgischen Feier der christlichen Gemeinde zur Zeit des Hermas war wahrscheinlich eines der Zimmer oder einer der gemeinsamen Räume in einem Privathaus. Wir finden noch keine Räume, die ausschließlich dem Gottesdienst vorbehalten waren.84 Einmal angenommen, die Gemeinden versammelten sich in

Spendenvolumen für ihre ärmeren Mitglieder auf und tragen so zu einem begrenzten materialen Ausgleich zwischen den Schichten bei“.

82 Leutzsch, Wahrnehmung, 251 ist der Meinung, dass zur Zeit des Hermas eine vier- stellige Zahl anzusetzen ist. Er glaubt, dass die Organisationsform der Gemeinde und die von Hermas verwendeten Bildsymbolik (Turm, Felsen, Berge, ...) diese Hypothese untermauern können. „Die Existenz mehrerer Hausgemeinden, die Notwendigkeit von Presbyterkonventen und einer eigenen Regelung für die Versorgung der Witwen und Bedürftigen setzen voraus, dass die Gemeindeglieder über die Stadt verstreut lebten, und die Gesamtgemeinde für den einzelnen nicht oder nur schwer überschaubar war. Auf eine ansehnliche Gemeindegröße verweist auch die in den Deutungen der bestimm- ten Bilder zutage tretende detaillierte Differenzierung der Mitglieder der Gemeinde“. Lampe, Christen, 116 stellt fest, dass man über die Zahl der stadtrömischen Chris- ten allenfalls spekulieren kann. Man kann nicht mehr sagen, als dass sich ihre Anzahl vergrößerte und „bereits zurzeit von Hermas eine Einstellung in zwölf verschiedenen Kategorien des Christseins gegeben war, mithin eine Vielgestaltigkeit auf eine große Anzahl schließen lässt (Vis III, Sim IX)“.

83 Vgl. Lampe, Christen, 117–119. Er fügt hinzu, dass dies nicht etwas speziell Stadtrö- misch-Christliches war, sondern etwas Typisches für die stadtrömische Bevölkerung überhaupt. „Spuren des Lateinischen im stadtrömischen Christentum des 2.Jh. sind in vielem unsicher“ (117). Wahrscheinlich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts bestand bereits die Nachfrage nach einer lateinischen Übersetzung für den Hirt (118).

84 Leutzsch, Wahrnehmung, 70–72 kommentiert, dass dies mit der Situation anderer Gemeinden wie in Korinth vergleichbar ist. Er ist der Meinung, dass Hermas in Mand XI 9.14, wo er von einer „Versammlung gerechter Männer“ spricht, auf das Bittgebet einer versammelten Gemeinde in einem Gottesdienst verweist. Weiter weist er darauf hin, dass diese Versammlung der Gemeinde eine ausgezeichnete Möglichkeit zu sozi- aler Kontrolle darstellt. Lampe, Christen, 309 stellt fest, dass die Christen des ersten/ zweiten Jahrhunderts ihre Gottesdienste „in irgendwelchen Wohnräumen, die alltags von den Bewohnern wieder anderweitig genutzt wurden“, feierten. „Die sonntäglichen ‚Gottesdiensträume‘ waren ohne immobile speziell kultische Requisite ausgerüstet, was

Privathäusern, stellt sich die Frage, was unter den Begriffen „Haus- gemeinde“ und „Hauskirche“ zu verstehen ist und welche Bedeu- tung diese Begriffe haben. Das werde ich später im vierten Kapitel analysieren.85

Es besteht ein breiter Konsens darüber, dass das römische Christen- tum der ersten beiden Jahrhunderte sehr vielfältig war, sowohl ethnisch als auch theologisch. Wie oben gesehen, überwiegt im römischen Christentum der griechischsprachige Anteil mit einem starken jüdi- schen Einfluss.86 Bei dieser Vielfalt des römischen Christentums muss

man berücksichtigen, dass Hermas und seine Auffassung des Christli- chen nur einen Teil der Gemeinde oder eine der in Rom bestehenden Gemeinden vertreten.87

Im Text gibt es Anzeichen für die in Rom bestehende Vielfalt theo- logischer Ansätze. Aber dieses Problem ist nicht das zentrale Anliegen des Hermas.88 Lampe versucht den Grund des theologischen Pluralis-

mus in Rom zu analysieren. Eine Ursache dafür liegt in der Tatsache, dass das Christentum in Rom in mehreren kleinen Gemeinden in der gesamten Stadt fraktioniert war und einige dieser Gemeinden je nach dem Herkunftsland ihrer Mitglieder gegründet wurden.89

das Fehlen eines archäologischen Nachweises für stadtrömische christliche Versamm- lungsräume in den ersten beiden Jahrhunderten erklärt“. Osiek, Shepherd, 22 sagt, dass die römischen Gemeinden sich Anfang des zweiten Jahrhunderts noch in Hausge- meinden versammelten, aber es gab gelegentlich größere Zusammentreffen der ganzen Gemeinde in Rom. Aber zur Zeit des Hermas ist die Gemeinde in Rom vielleicht zu groß, um alle zusammen sich treffen lassen.

85 Vgl. 4.1.1 und Lampe, Christen, 319f.

86 Osiek, Shepherd, 20f. stellt den Konsens über diese Sache fest.

87 Vgl. Brox, Hirt, 23. „Wenn man den zeitlich nicht weit entfernten ersten Clemens- brief neben den PH hält, entsteht einer starker Eindruck von der möglichen Breite des Spektrums verschiedener Gemeinden und ihrer Vorstellung vom Christentum inner- halb Roms zu Beginn des 2.Jh.s“.

88 Osiek, Shepherd, 22 kommentiert die Verweise auf falsche und böse Lehrer und die Unterschiede bei Themen wie der Unsterblichkeit des Fleisches (Vis III 7,1; Man XI 1; Sim 7,2 V, VIII, 6,5; IX 19,2–3, 22,2). Die theologische Vielfalt steigt im Laufe des zweiten Jahrhunderts und es ist nach Osiek möglich, dass Valentin, Cerdo, Marcion und Marcellina bereits zur Zeit der Endredaktion des Hermas in Rom angekommen waren.

89 Lampe, Christen, 320–323 konstatiert das Miteinander-Auftreten von räumlicher Fraktionierung und theologischer Vielfalt. „Die meisten in Rom vertretenen theolo- gischen Richtungen waren nicht dort entstanden, sondern in die Hauptstadt impor- tiert worden … Die Fraktionierung ermöglichte, dass die in Rom zusammenströmende theologische Vielfalt dort lange Zeit fortlebte“ (320). Die Fraktionierung begünstigte nicht nur einen theologischen Pluralismus sondern auch ein Toleranz-Verhalten ge-

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