Berechnung des Circularity – Gaps und mögliche Ursachen seiner Entstehung

Im Dokument Kreislaufwirtschaft: Das Konzept einer ökologisch nachhaltigen erweiterten Wirtschaftsform / eingereicht von Adeline Igel (Seite 75-81)

5. Die Messung der Kreislaufwirtschaft

5.2. Der Circularity Gap Report – der erste Versuch einer nationalen

5.2.3. Berechnung des Circularity – Gaps und mögliche Ursachen seiner Entstehung

Die in den vorhergehenden Abschnitten vorgestellten produktions- und verbrauchsorientierten Ansätze bilden die Grundlage zur Entwicklung eines Messrahmens zur Berechnung der Circularity Gap in Österreich.225 Aufbauend auf den Rahmen für die globale Kreislaufwirtschaftsmessung (Ergebnis 9,1%), soll anhand des Circularity Gap Reports Austria ein neuer nationaler Messrahmen für eine einzelne Volkswirtschaft entstehen.226 Die Definition einer Berechnungsrahmens, sollte sich mit ihren Zielen überschneiden. Wesentlich ist, dass der Indikator der Messung in dieselbe Richtung wie die jeweilige Strategie zeigt, sodass bei Maßnahmen zur Erreichung von Zielen, dies auch in der

224 Vgl. Jacobi et al. 2018, S. 158. 225 Vgl. Circle Economy 2019, S. 24. 226 Vgl. Circle Economy 2018, S. 22.

Messung beziehungsweise Berechnung sichtbar wird, daher wurden zwei Ziele und Strategien (input– und outputseitig) entwickelt.227

Ziele Strategien

Input:

Minimierung der Rohstoffgewinnung aus der Lithosphäre und die Produktion und Extraktion von Biomasse ist regenerativ.

Gebäude werden so gebaut, dass sie wenig Ressourcen benötigen, langlebig sind, wartungsarm, nach Anlauf ihrer Betriebszeit wiederverwend-, oder recycelbar sind, und während ihrer Nutzung wenig Energie benötigen.

Output:

Die Verbreitung und Verlust von Stoffen an die Umwelt werden minimiert. Dies bedeutet, dass alle Materiealien hohe Rückgewinnungsmöglichkeiten ohne einen massiven Qualitätsverlust zu erleiden. Abgabe von Emissionen in Luft, Wasser und Land werden verhindert.

Der Kreislauf für die Wiederverwendung wird optimiert. Dies bedeutet, dass Sammelstellen verbessert, und beste Technologien zur Wiederverarbeitung eingeführt werden. Das Produktdesign stellt im Vorfeld die Weichen für eine bessre Recycelbarkeit der Produkte.

Tabelle 3: Ziele für eine Kreislaufwirtschaft228

Aufgrund der Betrachtung der zwei Ziele und deren Strategien wird deutlich, dass der Materialkreislauf ein Schlüsselfaktor ist. Daher wird zur Berechnung der Kreislauflücke zu Beginn das recycelte Material dem gesamten Verbrauchgrußabdruck gegenübergestellt wird (siehe Schritt 1)

Recyceltes Verbrauchsmaterial/gesamten Verbrauchsmaterial

Da jedoch Unsicherheiten bestehen welcher Anteil des Materialflusses nach Österreich tatsächlich in Österreich verbraucht, und nicht exportiert wird, ist der Verbrauchsfußabdruck mit dem totalen Materialfußabdruck ins Verhältnis zusetzen. Die nächste Herausforderung besteht darin die Höhe des recycelten Materials zu ermitteln. Dies ist aus der nationalen Statistik zu entnehmen, und beträgt in Österreich 17,5Mt. Allerdings ist zu beachten, dass Waren nach Österreich importiert werden, die ebenfalls Sekundärrohstoffe enthalten könnten. Dies lässt sich aus dem globalen Circularity Report entnehmen und beträgt 9,1% der Importe (siehe Schritt 2).

227

Vgl. Circle Economy 2019, S. 23.

228

Verbrauchsfußabdruck/ totalen Fußabdruck x (recyceltes Material + 9,1% Importe) / Verbrauchsfußabdruck

49% (206*100/424) * (17,5+9,1%*260)/206Mt

= 9,7% Circularity Gap Austria

229

Eine globale Analyse auf nationaler Ebene herunter zu brechen, rückt die Definition von Grenzen in den Vordergrund. Einige Länder haben sich bereits verpflichtet eine Kreislaufwirtschaft zu werden, allerding stellt sich die Frage was Kreislaufwirtschaft genau bedeutet, ob alle im Land verbrauchte Güter und Dienstleistungen, als auch national produzierte und für den Export bestimmte Produkte zirkulär sein müssen.230

Österreich ist eine Handelsnation mit erheblichen Import– und Exportströmen, die einen wesentlichen Teil der Wirtschaft ausmachen. Folglich ist zu beachten, dass nicht alle extrahierten, importierten und recycelten Materialien für den Verbrauch im Inland verwendet werden. Dies ist auch im Hinblick auf die Importe zu berücksichtigen. Der Importfußabdruck (Import RME) verdreifacht sich gegenüber dem direkten Import. Dies bedeutet, dass Zweidrittel des Ressourcenverbrauchs und der Abfallerzeugung über die nationalen Grenzen erfolgen. Zur Messung der Zirkularität ist folglich der Anteil der Sekundärmaterialien in den Importen wesentlich. Da dies mit Unsicherheiten einhergeht, wird auf die globalberechnete Zirkularitätsrate von 9,1% zurückgegriffen. Angesichts der Größe des Importfußabdrucks ist dies für die österreichische Zirkularität ein einflussreicher Faktor. Während Österreich das Recycling inländischer Stoffströme aktiv verbessern kann, liegt das Recyceln von Abfallströmen in anderen Ländern außerhalb seines Einflussbereiches.

Das Ergebnis der österreichischen Zirkularität in Höhe von 9,7% bedeutet nicht, dass Österreich zu 90,3% linear ist. Der Grund hierfür ist, dass große Mengen der Materialien den gesellschaftlichen Bedürfnissen Wohnen und Mobilität zugeführt werden. Da dies langlebige Güter sind, bedeutet dies, dass im selben Jahr nur ein geringer Anteil an recycelbares Material zur Verfügung steht.231

229 Vgl. Circle Economy 2019. S. 22. 230 Vgl. Potting et al. 2018. S. 10. 231 Vgl. Circle Economy 2019, S. 24.

5.3. Vorschläge zur Verbesserung der Zirkularität

Fossile Brennstoffe als Energieträger sind von Natur aus nicht zirkulär. Die derzeitige Zirkularität dieses Materialflusses in Höhe von 2%, die anhand des produktionsbasierenden Ansatzes bewertet wurde, ist zur Gänze auf das Recycling von Kunststoffen zurückzuführen.232 Damit Österreich seine Zirkularität erhöht, muss vom Einsatz von fossilen Energieträgern Abstand genommen, und regenerativen Rohstoffen den Vorrang gegeben werden. Während ein erheblicher Teil des Stroms durch erneuerbare Wasserkraft erzeugt wird, wird der Transport – und Wärmebedarf nach wie vor weitgehend von fossilen Brennstoffen gedeckt. Diese Nutzung kann nur zirkulär werden, wenn auch hier auf erneuerbare Energien umgestellt wird. Allerdings ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass neben dem Verbrauch fossiler Brennstoffe zu Energiezwecken viele importierte bereits veredelte Güter an andere Stelle außerhalb der Grenzen hergestellt wurden, und häufig eine große Menge an fossiler Brennstoffe in ihre Produktion einfließen, und liegt außerhalb des österreichischen Einflussbereichs. Selbst wenn Österreich zu 100% auf erneuerbare Energie für Heizung, Strom und Mobilität umstellt, würden seine Importe den Verbrauch an fossilen Brennstoffen erheblich steigern, was die Wichtigkeit einer globalen Energiewende verdeutlicht. 233

Ein weiterer wesentlicher Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft besteht darin die Recyclingquote zu erhöhen, und den Abfall als Ressource zu nutzen. Österreich ist wie bereits erwähnt bezüglich Recycling ein Vorreiter im internationalen Vergleich, allerdings ist bei vielen wiederverwendbaren und recycelbaren Materialien nicht klar, was nach der Wiederverwendung, oder dem Recycling passiert. Zur Lösung des Problems könnte eine Einrichtung ins Leben gerufen werden, die die Nutzung von Sekundärmaterial überwacht (siehe Kapitel 4.1.). Die daraus resultierenden Ergebnisse ermöglichen es den Unternehmen, oder Regierungen Ziele festzusetzen, die einen verpflichtenden Anteil an Sekundärrohstoffen in der Produktion festlegen. Dies könnte ebenfalls für importierte Güter gelten.234 Trotz des Potentials die Zirkularität einiger Materialien zu erhöhen, kann der Weg zur Kreislaufwirtschaft alleine durch Recycling nicht erreicht werden, da ein erheblicher Teil in langlebige Bestände (Gebäude, Straßen) fließt, folglich die Zufuhr von Materialien ungleich höher ist, als die Entstehung von recycel barer Abfälle.235

Des Weiteren könnten durch steuerliche Vorteile oder Subventionsangeboten Anreize zur Verbesserung der Sekundärrohstoffe schaffen, was zu einer Werterhöhung und einer Kostensenkung führen würde. Ein weiterer Effekt wäre die Reduzierung des Bedarfs an 232 Vgl. Jacobi et al. 2018, S. 161. 233 Vgl. Circle Economy 2019, S. 26. 234 Vgl. Circle Economy 2019, S. 28. 235 Vgl. Haas et al. 2015, S. 774.

Primärrohstoffen, welches den beiden oben genannten Zielen, der Reduzierung der Ressourcenextraktion und der Materialrückgewinnung entsprechen würde.236

Ein dritter Schritt wäre die Lebensdauer von Beständen zu erhalten und zu verlängern (Gebäude, Infrastruktur). Wenn das Material zur dessen Erhaltung aus Abriss entstandenen Sekundärmaterial gedeckt werden kann, käme es folglich zu einer weiteren Reduktion des Primärmaterials und einer Schonung der Ressourcen.

Die drei oben genannten Maßnahmen sind effektiv, können jedoch zur Verbesserung von importierten Materialien und Produkten nach Österreich, wenig beitragen. Wie bereits erläutert liegt die Zirkularität der Weltwirtschaft bei 9,1%. Unter der Annahme, dass Österreichs Importe 55% seines Verbrauchs ausmachen, ist der österreichische Fußabdruck im Ausland jedenfalls zu berücksichtigen, was eine große Herausforderung darstellt, da dies auf nationaler Ebene nicht kontrollierbar ist. Folglich müssten zur Lösung dieses Problems sämtlich Akteure der internationalen Wertschöpfungskette zusammenarbeiten, um die Zirkularität sämtlicher Produkte zu verbessern. Hierbei kann Österreichs Regierung ihren Beitrag leisten, indem sie Industriestandards setzt, EU – Zölle unterstützt, oder einleitet und internationale Abkommen vorschlägt, um gleiche Wettbewerbsbedingungen, und einen ähnlichen globalen Ansatz für das Recycling zu schaffen, wie es bereits auf nationaler Ebene umgesetzt wird.237

Den wohl größten Effekt hätte die Kombination aller oben genannten Faktoren. Die Schaffung von Synergieeffekten würde den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft beschleunigen. Um einen geschlossenen Kreislauf zu erlangen, ist es neben der reinen Reduktion von Materialeinsatz ebenfalls notwendig eine Vision zu kreieren, wie gesellschaftliche Bedürfnisse befriedigt werden können. Dies bezieht sich auf die Lebensmittelindustrie, die Städteplanung, oder die Werte in Bezug auf Eigentum. Trotz Fortschritt im Recyceln und Abbau von Materialeinsätzen, wird noch mehr Material benötigt, als verfügbar ist, weiters werden fossile Brennstoffe und Biomasse für Energie und Lebensmittel verwendet, welche per Definition nicht recycelt werden können.238

Österreich hat schon entscheidende Weichen gelegt. Die Denkweise und die Infrastruktur um Abfall als Ressource zu nutzen sind vorhanden. Auf höherer Ebene wäre eine Besteuerung von Energie– und Materialverbrauch eine Möglichkeit um Anreize für BürgerInnen und Unternehmen zu schaffen vermehrt auf erneuerbare Materialien und langlebigere Produkte zu achten. Dies kann durch Integration digitaler Technologien, wie 236 Vgl. Circle Economy 2019, S. 28. 237 Vgl. Circle Economy 2019, S. 28 f. 238 Vgl. Circle Economy 2019, S. 29.

zum Beispiel Blockchain (siehe Kapitel 4.1.) oder Materialpässe geschehen, die eine verbesserte Transparenz der Produkte schaffen, um die Herkunft verfolgbar zu machen239, und das Vertrauen in die Qualität der Materialien zu erhöhen und zu sichern. Der Fokus liegt auf den Sekundärrohstoffen, diesbezüglich müssen die Regeln geändert, und Anreize geschaffen werden, sodass sämtliche Wirtschaftsakteure ihren Wert erkennen und entsprechend handeln können, um zukünftig gemeinsam eine Kreislaufwirtschaft zu erreichen.240 239 Vgl. Wilts 2017, S. 5. 240 Vgl. Circle Economy 2019, S. 30.

Im Dokument Kreislaufwirtschaft: Das Konzept einer ökologisch nachhaltigen erweiterten Wirtschaftsform / eingereicht von Adeline Igel (Seite 75-81)