Praktiken des Lesens von Literatur in der Hauptschule in komparativer

7. Offene Frage

1.3.7 Auswahl der Lehrkräfte und der Klassen

Die Kriterien zur Teilnahme an der Untersuchung waren durch das Untersuchungsdesign nicht streng vorgegeben. Die Lehrkräfte mussten in einem fünften oder sechsten Schuljahr unterrichten und sollten einen literarischen Text einführen. Zur Mitarbeit gewonnen werden sollten Lehrkräfte, die unter nicht ganz untypischen Bedingungen in der Hauptschule Deutsch unterrichteten. Daraus ergab sich eine Auswahl von Lehrkräften nach Stadt und Land, nach erfahrenen und unerfahrenen Lehrkräften und nach fachfremd und fachlich ausgebildeten Lehrkräften. Leider waren letztlich nur wenig fachlich ausgebildete Lehrkräfte

zur Teilnahme an der Untersuchung zu gewinnen (zwei von sieben). Eine Lehrerin hatte das Fach Deutsch immerhin als Nebenfach („Beifach“) studiert. Dieses ‚Übergewicht’ an fachfremd Unterrichtenden lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass die fachfremd unterrichtenden Lehrerinnen in der Teilnahme an der Untersuchung auch die Chance sahen, eine zusätzliche Beratung zum Fach Deutsch und besonders zu dem Thema Lesenlernen, Umgang mit Literatur zu erhalten. Das fachfremde Unterrichten in der Hauptschule ist mitnichten eine Ausnahme. Da in der Hauptschule im fünften und sechsten Schuljahr, ähnlich wie in der Grundschule, noch das Klassenlehrerprinzip vorherrscht – zumindest in Baden-Württemberg –, muss immer mindestens ein Hauptfach fachfremd unterrichtet werden. Die Klassenlehrerinnen unterrichten in der Regel die meisten Fächer und nur wenige, wie Sport, Musik oder Religion, werden von Fachlehrern übernommen. Mit vier Lehrerinnen von sieben konnten genügend erfahrene Lehrerinnen für die Teilnahme an der Untersuchung gewonnen werden – das Verhältnis von vier zu drei schien uns ausgeglichen. Bedauerlich ist, dass wir keinen Mann zur Teilnahme an der Untersuchung gewinnen konnten. Über die Gründe kann nur spekuliert werden.

Aus arbeitsökonomischen Gründen musste die Gruppe der Teilnehmenden übersichtlich bleiben: Die Datenerhebung und Datenauswertung von sieben Unterrichtsstunden (oder mehr) stellte uns bereits vor erhebliche technische und organisatorische Herausforderungen. Da es sich um eine exemplarische Studie handelt, ist eine Zusammenstellung der Daten nach den Kriterien „Erfahrung mit dem Fach“, „Erfahrung mit dem Unterrichten“ und „fachliche Ausbildung“ angemessen und ausreichend. Für die Analyse des Handlungs- wissens von Lehrkräften in der Hauptschule, die Deutsch unterrichten, ist es nicht zwingend, nur fachlich ausgebildete Lehrkräfte für die Untersuchung zu gewinnen.

In einer Übersicht (s.u.) wird das deutlich: Notationshinweise:

HuS: Heimat- und Sachunterricht GS: Grundschule

HS: Hauptschule

Die gelb unterlegten Zeilen markieren die in der prozessorientierten Darstellung aus- geführten Untersuchungsdurchgänge U1, U3 und U5. Es handelt sich um den Unterricht einer fachfremd unterrichtenden jungen Kollegin, einer älteren Kollegin, die Deutsch im Nebenfach studiert hat und seit mehreren Jahren in der Hauptschule arbeitet, und einer Kollegin, die ebenfalls über viel Erfahrung mit dem Fach besitzt und das Fach Deutsch studiert hat. Die Dokumentation der Analyse von U2, U6 und U7 findet sich im Anhang. Auch U2 und U7 sind prozessorientiert ausgewertet. In der ergebnisorientierten Darstellung der Untersuchungsergebnisse sind U2, U6 und U7 mit berücksichtigt.

U4 wurde nicht, U6 nur stark verkürzt ausgewertet. In dem einen Fall war die Tonaufnahme des Unterrichts mangelhaft, in dem anderen Fall wurde der Unterricht von einzelnen Schülerinnen und Schülern vielfach gestört, sodass die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand in den Hintergrund gerückt ist.

Da die Lehrerinnen zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Bundesländern ihre Ausbildung absolvierten, können keine generalisierbaren Aussagen über diese Ausbildung gemacht werden. Die Namen der Lehrerinnen und der Schülerinnen und Schüler sind selbstverständlich erfunden.

Abb. 10: Übersicht zu den befragten Lehrerinnen, deren Unterricht videographiert wurde1

Kürzel Name Alter Schule und Klasse seit wann Lehrerin?

Schulerfahrung

Unterrichtsbesu- che und Interview

studierte Fächer Text / Buch unterrichtet Deutsch...

U12 Frau Rot 29 Hauptschule in kleiner

Gemeinde an der Bergstraße in Ba-Wü, Klasse 5b, Klassenlehrerin seit September 2002, an dieser Schule

November 2002 Geschichte, Religion Gedicht: „Ich male mir den Winter“

fachfremd

U2 (Anhang)

Frau Edelmeier

32 Grund- und Hauptschule

in mittelgroßer Stadt im Rheintal in Ba-Wü, Klasse 5c, Klassenlehrerin

1996, seit 1998 an dieser Schule

Dezember 2002 HuS mit

Vertiefungsfach: Biologie, Nebenfach: Deutsch; Schwerpunkt GS Text: „Der Seelenvogel“ fachfremd U3 Frau Maier-

Pelling 47 Grund- und Hauptschule in kleiner Gemeinde im Rheintal in Ba-Wü, Klasse 6b, Klassenlehrerin 1978, seit 10 Jahren an dieser Schule, davon 8 an HS, Klasse seit 1,5 Jahren

Februar 2003 Sport, Beifach:

Deutsch Jugendbuch: „Hilfe, mein Gefieder ist voll Öl“

fachfremd

U4

(Anhang) Frau Herrmann Anfang dreißig Grund- und Hauptschule in kleiner Gemeinde im Odenwald in Ba-Wü, Klasse 5, Klassenlehrerin seit 1999, mit Unterbrechung wegen Kindern, an dieser Schule

Frühjahr 2003 Mathe und Sport mit

Schwerpunkt GS Gedicht: „Der verdrehte Schmetterling“

fachfremd

U5 Frau Kurz 45 Hauptschule in Großstadt

in Hessen, Klasse 5a, Klassenlehrerin

Beginn des Ref. 1984, seit laufen- dem Schuljahr an dieser Schule

April 2003 Deutsch, ev. Religion, Romanistik Jugendbuch: „Das Papageienviertel“ als ausgebildete Deutschlehrerin U6 (Anhang)

Frau Kraft 24 Hauptschule in kleiner Gemeinde im Rheintal in Ba-Wü, Klasse 5, Fachlehrerin noch im Referendariat, seit Februar 2002 an dieser Schule

Mai 2003 Deutsch, HuS Fabel: „Die

Kaninchen, die an allem schuld waren“

als ausgebildete Deutschlehrerin U7

(Anhang) Frau Vogel 28 Hauptschule in kleiner Gemeinde an der Bergstraße in Ba-Wü, Klasse 5, Klassenlehrerin

seit Sommer 2002,

an dieser Schule Juni 2003 Englisch, Biologie; Erdkunde, Schwerpunkt HS

Jugendbuch:

„Vorstadtkrokodile“ fachfremd

1 Ich möchte mich ausdrücklich bei den Lehrerinnen bedanken. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Ich weiß, wie schwer es ist, Kinder und

Jugendliche mit Schwierigkeiten im Lesen und Textverstehen zu unterrichten. Ich bin, bei aller kritischen Betrachtung, davon überzeugt, dass die Lehrerinnen den ernsthaften Wunsch haben, ihren Unterricht so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler etwas für das Leben lernen. Und das tun sie auch.

2 Mit „U“ sind die Transkriptionen aus dem Unterricht abgekürzt. Die Zahlen 1-7 hinter dem „U“ markieren die Reihenfolge der Besuche in den verschiedenen

Im Dokument OPUS 4 | Wozu Literatur lesen? Der Beitrag des Literaturunterrichts zur literarischen Sozialisation von Hauptschülerinnen und Hauptschülern (Seite 89-93)