3.3 Synthese 3: Anwendung der Fähigkeiten systemischen Denkens in der BNE bei der visuellen

3.3.2 Die Anwendung der Fähigkeiten bei der Luft und Satellitenbildauswertung im

Um zu einer besseren Beurteilung der Wirksamkeit von Luft- und Satellitenbildern zu gelangen, scheint es forschungsmethodisch notwendig, diese mit der Wirksamkeit eines im Wesen äquivalenten pikto- ralen Informationsträgers zu vergleichen. Für einen derart vergleichsorientierten Ansatz erscheinen topographische Karten als Vergleichsgegenstand deshalb geeignet, weil sie dem Untersuchungsgegen- stand in zahlreichen Belangen möglichst äquivalent sind (vgl. u.a. Kapitel 2.4.4.1 und 3.3). Nach Kaminske (2012) stehen sie in einer strukturellen wie funktionalen Verwandtschaft zueinander. Neben den sich daraus ergebenden Gemeinsamkeiten bestehen zugleich hinreichende Unterschiede, sodass nach Albertz (2009) ein teils konkurrierendes, teils komplementäres Verhältnis besteht. Ein Vergleich ihrer medienspezifischen Stärken und Schwächen wird von beiden Autoren gefordert.

Die Auswahl topographischer Karten aus dem breiten Spektrum verfügbarer kartographischer Dar- stellungen wird damit begründet, dass dieser Kartentyp im Gegensatz zu thematischen Karten einer geringeren inhaltlichen Entlastung (Informationsreduktion) unterliegt63. In ihnen ist in einer stärkeren Vergleichbarkeit zu Luft- und Satellitenbildern eine Fülle von Rauminformationen in Form von topo- graphischen Sachverhalten repräsentiert, die einen umfassenden Einblick in die natürlichen und anthropogenen Gegebenheiten im repräsentierten Erdraum geben (vgl. Kapitel 2.4.3.1). Infolgedessen erscheinen sie besonders dazu geeignet, um in der inhaltlichen Bezugsdimension die Erarbeitung einer breiten Vielfalt an systemrelevanten Sachverhalten und ihren Zusammenhängen in allen drei Nachhaltigkeitsdimensionen zu ermöglichen. Ein weiterer Grund beruht auf dem ausgewählten System Braunkohleabbau. Für eine Auseinandersetzung mit dieser raumgebundenen Thematik liegen, v.a. mit Blick auf das Rheinische Braunkohlerevier, topographische Karten verschiedener Maßstäbe und Bezugszeiträume vor, auf denen systemrelevante Informationen in unterschiedlichen Detailgraden dargestellt sind und bei deren Vergleich am Computer raumzeitliche Veränderungen und Entwick- lungsprozesse wahrgenommen werden können.

63 Es lässt sich eine Bandbreite an unterschiedlichsten raumbezogenen (geographischen) Themen behandeln, für die es

Vorliegende thematische Karten zum Braunkohleabbau im Rheinischen Revier weisen explizit System- elemente wie Rekultivierungs-/Renaturierungsflächen, aufgegebene/neue Siedlungen, Pumpstatio- nen für die großräumige Grundwasserabsenkung, Kraftwerke oder Förderbänder/Werkseisenbahnen durch unmittelbare Beschriftung bzw. farbliche Hervorhebung aus, die die Wahrnehmung von Bezie- hungen zwischen ihnen bzw. von Prozessen vereinfachen sollten. Des Weiteren sollten sie mentale Simulationsprozesse anhand zukunftsgerichteter Andeutungen/Hinweise, wie z.B. die mit kartogra- phischen Mitteln dargestellte Bewegungsrichtung der Tagebaue oder der zukünftig geplanten Abbau- gebiete (maximale Fördergrenze), anregen und unterstützen. Insgesamt wäre daher zunächst zu erwarten, dass die thematischen Karten gegenüber den topographischen vorteilhafter für die System- modellkonstruktion/-simulation sein sollten. Dass die o.g. kartographischen Hilfestellungen allerdings nicht automatisch ihre Wirkung entfalten, wird aus den in Kapitel 2.4.3.2 vorgestellten empirischen Untersuchungsergebnissen von Diekmann-Boubaker (2010) und Herzig et al. (2007) ersichtlich: Das bei thematischen Karten fehlende universelle Zeichensystem erfordert weiterhin das Lesen der Legende/ Kartenschrift. Erfolgt diese nicht oder nur unzureichend, können auch Oberstufenschüler/innen (Dickmann & Diekmann-Boubaker 2010) bzw. Studienanfänger/innen (vgl. Herzig et al. 2007) die Erschließung von Signaturen schwerfallen. Erstere können zudem kausale oder funktionale Bezie- hungen/Zusammenhänge sowie Abhängigkeiten und raumzeitliche Veränderungen (dynamische Pro- zesse) nicht oder nur mit größeren Schwierigkeiten schlussfolgern. Aus der Sicht des Ablaufschemas von Weidenmanns betrachtet, lässt sich die fehlende Auseinandersetzung mit der Legende/Karten- schrift damit erklären, dass der geringe oder ggf. sogar ausbleibende Bedarf für Normalisierungsver- suche in der Initialphase der Kartenauswertung dafür verantwortlich sein könnte, dass in der Folge kein vertieftes Lesen der Legende/Kartenschrift eingesetzt hat und stattdessen das Phänomen des flüchtigen Blicks aufgetreten ist (vgl. Kapitel 2.4.4.2). In diesem Kontext wird die Schlussfolgerung von Herzig et al. (2007) aus Kapitel 2.4.3.2 verständlich, wonach die Studienanfänger/innen vermutlich auf das einzig bekannte Wissen über das Aussehen von Signaturen aus ihrem Schulatlas zurückgegriffen hätten: Mit den Schulatlas-Signaturen identische oder zumindest optisch vergleichbare Zeichen in den verwendeten thematischen Karten könnten fälschlicherweise als bereits bekannt wahrgenommen worden sein, mit dem Ergebnis, dass eine ausführliche Beschäftigung mit der Legende/Kartenschrift nicht als notwendig erachtet wurde und stattdessen das bestehende Wissen über die Bedeutung der Schulatlas-Signaturen zur Anwendung kam. Bei topographischen Karten, die (aus dem Schulunterricht) weniger bekannt sind, sollte nach dem Ablaufschema von Weidenmann ein höherer Bedarf für Normalisierungsversuche bestehen, um die in ihnen z.T. unbekannten Signaturen zu decodieren. Dies wiederum sollte in eine vergleichsweise intensivere Auseinandersetzung mit ihnen münden. Obschon die thematischen Karten Darstellungsvorteile aufweisen, bergen sie potenziell die Gefahr eines flüch- tigen Blicks, während topographische Karten gerade wegen ihrer geringeren Bekanntheit/Vertrautheit zu einer intensiveren Auseinandersetzung anregen könnten. In diesem Kontext erscheint die unklare Gemengelage zwischen Schwierigkeit und Reiz gemäß Reuschenbach (2007) von Bedeutung (vgl. Kapitel 2.4.2.2). Seitens der topographischen Karten ist zu berücksichtigen, dass ihre große Informa- tionsfülle und hohe Signaturendichte grundsätzlich höhere kognitive Anforderungen an den Rezipien- ten bzw. die Rezipientin stellen. Liegt kein ausreichendes spezifisches Kartenwissen vor, lassen sich ihre Signaturen dennoch mittels prozeduralem Kartenwissen (v.a. das Wissen über die Verwendung von Legende/Kartenschrift) entschlüsseln, wobei das bereichsspezifische (System-)Vorwissen einen durchaus bedeutenden Einfluss ausübt (vgl. Kapitel 2.4.3.2).

Im Kontext der Realismusthese wird in der Bildwissenschaft nach Weidenmann (2006: 450) die Frage diskutiert, inwiefern realistische Bilder wie u.a. Luft- und Satellitenbilder Lernprozesse besser fördern können als abstraktere schematische Darstellungen wie z.B. Karten. Der Autor geht selber davon aus,

dass beide Kategorien grundsätzlich anders zu lesen sind (Weidenmann 1994: 22). Didaktisierte Bilder mit einer teils ikonischen, teils symbolbasierten Repräsentationsart werden für die Vermittlung zwischen der piktoral repräsentierten Wirklichkeit und den ihnen mental zuzuordnenden Konzepten/ Schemata als bedeutsam angesehen, da sie die Wirklichkeit auf eine strukturierte und akzentuierte Art und Weise wiedergeben. Derart strukturierte Bilder, zu denen u.a. die schematischen Darstellungen und damit nach Weidenmann auch (topographische) Karten gehören, werden mit Blick auf die Kons- truktion eines mentalen Modells, v.a. für Lernschwächere, als besser geeignet angesehen als die pikto- ral komplexen realistischen Bilder. Allerdings sind die Symbole in strukturierten Bildern dahingehend anforderungsreicher, dass sie spezielles semiotisches Wissen (Graphik-Schemata) erfordern, während die ikonischen Zeichen in realistischen Bildern über ökologische Schemata erkannt werden können (vgl. Kapitel 2.4.4.1).

Ausgehend von einer Charakterisierung als realistische Bilder (Abbilder) in Anlehnung an Schnotz (2001, 2002:65, 2006: 853) kommen Karten und ihre visuelle Auswertung nach Hüttermann (2005, 2012a: 192), Gryl et al. (2010), Hemmer et al. (2010) und Hemmer et al. (2012: 149) vielmehr Bildern (externe depiktionale Repräsentationen) gleich als Texten (externe deskriptionale Repräsentationen), da die Informationsentnahme über ökologische Schemata relativ leicht und schnell erfolgen kann (vgl. Schnotz & Dutke 2004 in Dickmann & Diekmann-Boubaker 2010). Die kognitive Verarbeitung wird im Zuge einer analogen Strukturabbildung gesehen, in deren Rahmen es möglich ist, mittels der perzi- pierten Rauminformationen ein mentales Raummodell ohne den Umweg über eine Umcodierung zu generieren (Hemmer et al. 2010; Hemmer et al. 2012: 149; Hüttermann 2012a: 192ff.). Das Verständnis für die Karteninhalte entwickelt sich dabei umso mehr, je besser es gelingt, „die Analogie zwischen

Sachverhalten und Repräsentationen durch Aktivierung geeigneter kognitiver Schemata zu erkennen“

(Hemmer et al. 2012: 164). Obschon der Autor dieser Arbeit den o.g. Autor/innen dahingehend zustimmt, dass Karten stärker Bildern gleichen als Texten, schließt sich die vorliegende Arbeit dennoch der Sichtweise von Weidenmann (1991b, 1994: 22) bzw. Ballstaedt (1997) an, wonach Karten von ihrem Wesen her schematische Darstellungen eines Erdraums sind: Sie geben diesen wie realistische Bilder strukturell übereinstimmend wieder, enthalten aber keine ikonischen, sondern artifizielle gra- phische Zeichen in Form der Signaturen, für deren Verständnis Graphik-Schemata notwendig sind (vgl. Kapitel 2.4.3.1 bzw. 2.4.3.2). In Anlehnung an Diekmann-Boubaker (2010) sind sie (deshalb) anders zu lesen als realistische Bilder. In Übereinstimmung zu Hüttermann (2012a: 19f.) liegt der räumlichen Anordnung der Signaturen im Kartenbild durchaus eine Abbildfunktion zugrunde, bei „der die

Anordnung aus der Realität abgeleitet ist“ (ebd., S. 19f.), doch gehen in Abhängigkeit zum Kartenmaß

generalisierungsbedingte Sortierungs-, Gruppierungs- und Positionierungsregeln in die Anordnung mit ein (Hüttermann 1998; Lenz 2006a: 196; Rinschede 2007): Während großmaßstäbige Karten auf der geometrisch-topologischen Ebene mitunter einen abbildähnlichen Anschein erwecken können, obwohl auch in ihnen weiterhin graphische Zeichen Verwendung finden, handelt es sich bei klein- maßstäbigen Karten maßstabsbedingt eher um abstrakt wirkende schematische Darstellungen. Beruhend auf den in Kapitel 2.4.2.1, 2.4.3.1 und 2.4.4.1 aufgezeigten Wesenszügen und den in Kapitel 2.4.2.2, 2.4.3.2 und 2.4.4.2 vorgestellten fernerkundungs- bzw. kartendidaktischen und bildwissen- schaftlichen Erkenntnissen über die kognitive Verarbeitung sind in Tabelle 16 die Spezifika von Luft- und Satellitenbildern einerseits sowie von topographischen Karten andererseits hinsichtlich ihres Entstehungsprozesses, ihrer Eigenschaften, ihres Inhalts, ihrer Repräsentationsweise, der Auswertung ihrer Inhalte und ihrer mentalen Wirkung einander gegenübergestellt.

Tabelle 16: Vergleichende Gegenüberstellung der Spezifika von Luft- und Satellitenbildern bzw. topographischen Karten

Luft- und Satellitenbilder* Topographische Karten Entstehungshintergrund

Kausal: physikalisch-technische Erfassung von Sachverhalten (Objekten, Erscheinungen) auf der Basis von Spektralwerten und deren piktorale Darstellung in Grau-/Farbwerten

Kommunikationsorientiert: Zweckorientierte Überführung von Rauminformationen aus älteren Karten oder Luft- und Satellitenbildern in eine innerhalb von Konventionen festgelegte symbolbasierte Darstellungsform Eigenschaften

Chorographische/chorologische Eigenschaften gemäß Raumauflösung: räumliche Lage und räumlich-strukturelle Relationen werden durch die Anpassung der Abbildungs- größe im Bild über alle Raumauflösungen hinweg relationstreu (exakt) wiedergegeben

Chorographische/chorologische Eigenschaften gemäß Kartenmaßstab: räumliche Lage und räumlich-strukturelle Relationen variieren maßstabsbedingt:

• Bei großen Maßstäben grundrissgetreue Darstellung • Bei kleinen Maßstäben lageähnliche Darstellung Abbildungen eines begrenzten Erdraums mit einer

bestimmten Raumauflösung (Bildmaßstabs)

Darstellungen eines begrenzten Erdraums in einem bestimmten Kartenmaßstab

Zentralprojektion der physischen Erdoberfläche in die Bildebene (nur bei Luftfotos) mit Verzerrung

Verschiedene Projektionsarten der Erdoberfläche in die Kartenbezugsfläche mit unterschiedlichen Verzerrungen Keine maßstabsgerechten Abbildungen:

• Bildmaßstäbe sind nur grobe Annäherung an eine gerundete Maßstabszahl

• Bei unebenem Gelände zusätzliche Fehler

• Prinzipiell keine lagetreuen Abbildungen (Einflüsse von Aufnahmerichtung, Geländehöhe, Erdkrümmung etc.) • Unterrichtlich eingesetzte Bilder sind i.d.R. korrigiert

Maßstabsgerechte Darstellungen:

Abweichungen kommen durch räumliche Generalisierung bei kleineren Kartenmaßstäben zustande:

• Grundsätzlich lagetreue Darstellungen

• Abweichungen durch räumliche Generalisierung bei kleineren Kartenmaßstäben

Verkleinerte und verebnete Abbildungen der Wirklichkeit Verkleinerte und verebnete Darstellungen der Wirklichkeit Nach der Bildbearbeitung nach Norden orientiert Nach Norden ausgerichtet

Inhalt

Rauminformationen beruhen auf physikalisch-technischen Kausalitäten bei der Detektion von elektromagnetischer Strahlung

Rauminformationen aus älteren Karten oder Luft- und Satellitenbildern innerhalb von Konventionen mittels graphischer Zeichen (Symbole) verschlüsselt dargestellt Informationsebenen:

• Merkmalsbezogen: Farbe, Größe, Form etc. der Sachverhalte (mehr oder weniger deutlich bei allen Raumauflösungen)

• Geometrisch-topologisch: räumliche Lage, Nachbarschaftsbeziehungen etc. der Sachverhalte • Semantisch (Inhalt/Bedeutung): selbstständig mittels

Vorwissen zu erschließen

Informationsebenen:

• Merkmalsbezogen: Farbe, Größe, Form etc. der

Sachverhalte (v.a. bei großen Kartenmaßstäben, während bei kleinen Maßstäben nur für sehr große lineare/areale Sachverhalte zutreffend)

• Geometrisch-topologisch: räumliche Lage, Nachbarschaftsbeziehungen etc. der Sachverhalte • Semantisch (Inhalt/Bedeutung): kann erschlossen werden

mittels Legende/Kartenschrift • Augenblicks-/Momentaufnahme, d.h. Ist-Zustand zum

Aufnahmezeitpunkt (natürliches Bild)

• Jahreszeitliche Effekte (Landwirtschaft, Vegetation) • Bei Kanälen jenseits des sichtbaren Lichts zusätzliche

Informationen über Objekteigenschaften (Oberflächen- temperatur, Bodenfeuchtigkeit, Vegetationszustand)

• Modellhafte graphische Annäherung an die Wirklichkeit • Informationen in ihrem durchschnittlichen Zustand

• Physisch Existierendes in Abhängigkeit zur spektralen Signatur sowie zum räumlichen/spektralen Auflösungs- vermögen sensorisch erfasst (technischer Grund): o Durch räumliches Auflösungsvermögen (Faktor

Bildmaßstab):

➢ Bei hoher Raumauflösung auch kleine Sachverhalte deutlich sichtbar und mit vielen Feinheiten wiedergegeben

➢ Bei geringer Raumauflösung werden kleine Sachverhalte bei der Bildpixelzuweisung durch Spektralwertbündelung mit anderen Sachverhalten vermischt wiedergegeben

• Reduktion der absoluten Informationsfülle: o Räumliche Generalisierung: im Rahmen von

Konventionen durchgeführte maßstabsbedingte Vereinfachung, Hervorhebung oder Verdrängung von Karteninhalten (technischer Grund)

➢ Bei kleinem Kartenmaßstab wenige Signaturen- klassen und einfache Symbole mit lageähnlicher Verortung

➢ Bei großem Kartenmaßstab viele Signaturenklassen mit differenzierten und z.T. komplexen Symbolen und grundrisstreuer Repräsentation von Sachverhalten

o Durch spektrales Auflösungsvermögen (Faktor spektrale Sensitivität):

➢ Bei hoher Sensitivität Informationsvielfalt über Sachverhalte aus diversen Wellenlängenbereichen ➢ Bei geringer Sensitivität beschränkte Informationen

über Sachverhalte aus wenigen Wellenlängen- bereichen

o Inhaltliche Generalisierung: im Rahmen von Konventionen zweckorientiert durchgeführte inhaltliche Reduktion auf beständige, topographisch wichtige Rauminformationen in einer definierten Anzahl von Inhaltsklassen:

➢ Physisch Existierendes

➢ Nicht Physisch Existierendes (Grenzen von politischen Einheiten, Höhenlinien/-angaben, Kartenschrift, ggf. Andeutung geplanter Vorhaben) Hohe absolute Informationsdichte: jeder Bildpixel enthält

spektrale Informationen bei allen Raumauflösungen

Absolute Informationsdichte nimmt bei kleinen Karten- maßstäben ab (Effekt der zunehmenden inhaltlichen und räumlichen Generalisierung)

Keine zusätzlichen Informationen über Bildinhalte hinaus Zusätzliche verbal-numerische Informationen über graphische Karteninhalte hinaus

Hohe Aktualität (i.d.R. Wochen-/Monatszyklus) Geringere Aktualität (i.d.R. mehrjähriger Bezugszeitraum) Darstellungsweise

Monocodalität:

• Piktorales Zeichensystem: Repräsentation mittels ikonischer Zeichen in Form von Grau-/Farbwerten o Innere strukturelle Übereinstimmungen auf der Ebene

der einzelnen Sachverhalte (Größe, Form etc.) o Äußere strukturelle Übereinstimmungen auf der Ebene

der räumlichen Anordnung und der räumlich- strukturellen Beziehungen (Raumstruktur) zwischen den einzelnen Sachverhalten (vgl. chorographische bzw. chorologische Eigenschaften)

Multicodalität (hybrides Gebilde):

• Piktorales Zeichensystem: Repräsentation mittels normierter, klassifizierter graphischer Zeichen

o Innere strukturelle Übereinstimmungen bei einzelnen Sachverhalte in Abhängigkeit zum Kartenmaßstab: ➢ Bei großem Kartenmaßstab Verwendung bildhaft-

konkreter Zeichen mit hoher visueller Ähnlichkeit (hoher Assoziationscharakter)

➢ Bei kleinem Kartenmaßstab Zwang zur Verwendung uniformer, abstrakt-geometrischer Zeichen (niedriger Assoziationscharakter)

o Äußere strukturelle Übereinstimmungen auf der Ebene der räumlichen Anordnung und der räumlich-

strukturellen Beziehungen (Raumstruktur) zwischen den einzelnen Sachverhalten (vgl. chorographische bzw. chorologische Eigenschaften)

• Verbal-numerisches Zeichensystem:

o Kartenschrift: als inhaltliche Erläuterung der

graphischen Zeichen (Abkürzungen) sowie als Mittel zur Wiedergabe von Eigennamen und als Mittel für metrische Angaben (Geländehöhe)

o Kartenlegende: als inhaltliche Erläuterung der verwendeten graphischen Zeichen

Vielfarbiges Halbtonbild mit unterschiedlich starken Abstufungen (Kontrasten) zwischen unmittelbar aneinander angrenzenden Bildpixeln:

• Bei RGB-Kanalkombination: Echtfarbenbilder mit natürliche Farben (realistisch anmutende Bilder) • Bei Nicht-RGB-Kanalkombination: Falschfarbenbilder mit

ungewohnte Farbgebung, u.U. mit Anteilen natürlicher Farben (hyperrealistische Bilder)

• Auf weißem Kartenhintergrund graphisch voneinander abgegrenzte, distinkt-diskrete Zeichen, die bei einer hohen Zeichendichte einander überlagern können (Verdeckungseffekt)

• In begrenztem Maße an reale Farben angepasste Farbgebung der Symbole

Entsprechend den repräsentierten Gegebenheiten u.U. unübersichtliche Abbildungen aufgrund fehlender klarer optischer Strukturen, vieler kleinräumiger Feinheiten bzw. geringer Grau-/Farbwertkontraste

Klare und übersichtlich gestaltete Darstellungen zum Zwecke einer optimalen Informationsaufnahme

Natürliche Beleuchtungsverhältnisse aus Süden/Südosten Technische Beleuchtung aus Nordwest-Richtung Visuelle Auswertung: Wahrnehmung, Lesen und Interpretieren

Visuelle Wahrnehmung (Perzeption):

Wahrnehmbarkeit der Bildinhalte ist prinzipiell abhängig von deren Attributen (Grau-/Farbwertkontraste) sowie von der Raumauflösung (Bildmaßstab):

• Erkennbarkeit ist umso besser, je größer die Raum- auflösung ist, da umso mehr Details die (Wieder-) Erkennung unterstützen können

• Prozesse gemäß dem Ablaufschema von Weidenmann: Das gesamte Bild wird wahrnehmungspsychologisch in verschiedene Wahrnehmungsentitäten bzw. Bildgestalten untergliedert, die sich jeweils aus einer Anzahl an Bildpixeln zusammensetzen und aufgrund von Mischsignaturen i.d.R. inhomogen ausgeprägt sind (interne Farb-/Helligkeitsunterschiede)

• Perspektivischer Eindruck von Räumlichkeit (Dreidimensionalität)

Visuelle Wahrnehmung (Perzeption):

Wahrnehmbarkeit wird sicherzustellen versucht durch: • Verwendung von in ihrer Farbgebung unterscheidbaren

und auf einem weißen Kartenhintergrund aufgetragenen distinkt-diskreten Zeichen

• Bei kleinem Kartenmaßstab im Verhältnis überproportionale Zeichengröße

• Prozesse teilweise vergleichbar mit dem Ablaufschema von Weidenmann: Der gesamte Karteninhalt wird wahrnehmungspsychologisch als Zusammensetzung einer Vielzahl einzelner graphischer und verbaler Karteninhalte erfasst

Bildlesen:

• Evidente Bildinhalte können anhand des Vorwissens über bestimmte objekttypische Merkmale/Merkmals-

relationen bzw. über typische räumliche Anordnungen auf der Basis ökologischer Schemata als Repräsentation von Sachverhalten identifiziert und als solche im Zuge des natürlichen Bildverstehens (wieder-)erkannt werden • Identifizierte Inhalte können wichtige Hinweise auf

weniger evidente Bildinhalten liefern, z.B. durch das Wissen über typische räumliche Anordnungen

• Bei weniger evidenten Bildinhalten setzen unter Einfluss individuellen Vorstellungsvermögens Identifizierungs- versuche im Kontext der Interpretationsfaktoren ein, in deren Verlauf generell mögliche Inhalte schrittweise ausgeschlossen und erkenntnisbasierte Beweise für einen konkret vorliegenden Sachverhalt gesammelt werden (convergence of evidence)

• Echtfarbenbilder: (Wieder-)Erkennungseffekt durch natürliche Farbgebung erleichtert

• Falschfarbenbilder: (Wieder-)Erkennung von Objekten erfordert ein Umdenken und ist i.d.R. an den Interpreta- tionsprozess gekoppelt => Vorwissens-/Vorerfahrungs- abhängigkeit

Kartenlesen:

• Von semiotischem Vorwissen (Graphik-Schemata) abhängige Erschließung der inhaltlichen Bedeutung einzelner Signaturen (Decodierung) durch mentale Verknüpfung der graphischen Karteninhalte mit der Kartenschrift und v.a. der Kartenlegende

In Abhängigkeit zur Raumauflösung Generierung quantitativer bzw. qualitativer Aussagen (z.T. unter Zuhilfenahme von Messverfahren):

• Merkmalsbezogen: Länge, Breite, Höhe, Tiefe, Flächeninhalt, Volumen, Ausdehnung etc.

• Geometrisch-topologisch: räumliche Lage, Verteilung, Muster, Distanzen etc.

In Abhängigkeit zum Kartenmaßstab Generierung quantitativer bzw. qualitativer Aussagen (z.T. unter Zuhilfenahme von Messverfahren):

• Merkmalsbezogen: Länge, Breite, Höhe, Tiefe, Flächeninhalt, Volumen, Ausdehnung etc.

• Geometrisch-topologisch: räumliche Lage, Verteilung, Muster, Distanzen etc.

Detaillierte Rückschlüsse auf das tatsächliche Aussehen (reale Größe, Form, Oberflächenstruktur etc.) der Sachverhalte bei hoher Raumauflösung möglich

Rückschlüsse auf das tatsächliche Aussehen (reale Größe, Form, Oberflächenstruktur etc.) der Sachverhalte bei sehr großem Maßstab in begrenztem Maße anhand bildhaft- konkreter Zeichen und Grundrissdarstellung möglich Bildinterpretation:

Vorwissensbedingt sind durch weiterführende Kognitions- prozesse (Deutung/Schlussfolgerung) Erkenntnisse über das im Bild nicht direkt Erkennbare (Sekundärinformationen) anhand des bereits Erkannten (Primärinformationen) möglich:

• Zustand, Eigenschaft, Beschaffenheit, Wesen, Funktion, Zweck von Sachverhalten

• Gedankliche Herstellung von Relationen (kausale, genetische, funktionale Zusammenhänge) zwischen Sachverhalten auf der Basis räumlich-struktureller (topologischer) Informationen => Erklärung räumlicher Standorte, Verteilungen, Muster

Entspricht mit abweichendem Schwerpunkt dem indikatorischen Bildverstehen:

• selektionierte Wahrnehmung von Bildinhalten unter einer bestimmten Fragestellung/Thematik

• Schlussfolgerung von Raumstrukturen und räumlichen Prozessen durch bildinterne Indikatoren

Karteninterpretation:

Vorwissensbedingt sind durch weiterführende Kognitions- prozesse (Deutung/Schlussfolgerung) Erkenntnisse über das auf der Karte nicht direkt Erkennbare (Sekundär-

informationen) anhand des bereits Erkannten (Primär- informationen) möglich:

• Zustand, Eigenschaft, Beschaffenheit, Wesen, Funktion, Zweck von Sachverhalten

• Gedankliche Herstellung von Relationen (kausale, genetische, funktionale Zusammenhänge) zwischen Sachverhalten auf der Basis räumlich-struktureller (topologischer) Informationen => Erklärung räumlicher Standorte, Verteilungen, Muster

Entspricht sinngemäß mit abweichendem Schwerpunkt dem indikatorischen Bildverstehen:

• selektionierte Wahrnehmung von Karteninhalten unter einer bestimmten Fragestellung/Thematik

Schlussfolgerung von Raumstrukturen und räumlichen Prozessen durch karteninterne Indikatoren

Fehlende thematische Selektion sowie fehlende Erläuterung können dazu führen, dass mehrdeutige Bildinhalte

unverständlich bleiben (u.U. Zuhilfenahme zusätzlicher Informationsquellen erforderlich)

Eindeutige Bedeutungszuweisung über die Kartenlegende und z.T. auch durch die Kartenschrift

Interpretationsmöglichkeiten durch Bildvergleich: Auf der Basis wahrgenommener Veränderungen: • Rückschlüsse auf raumzeitliche Vorgänge/Abläufe,

Prozesse, Entwicklungen und Dynamiken • Schlussfolgerungen über die Raumgenese

• Erkenntnisse über Ursprünge/Ursachen, Zu-/Abgänge, Auswirkungen/Folgen (ggf. in Art, Richtung und Geschwindigkeit)

• Bewertung raumwirksamer Prozesse hinsichtlich ihrer Auswirkungen und der damit verbundenen Probleme • ggf. Prognosen über die weitere Entwicklung bzw. den

weiteren Verlauf

Interpretationsmöglichkeiten durch Kartenvergleich: Auf der Basis wahrgenommener Veränderungen: • Rückschlüsse auf raumzeitliche Vorgänge/Abläufe,

Prozesse, Entwicklungen und Dynamiken • Schlussfolgerungen über die Raumgenese

• Erkenntnisse über Ursprünge/Ursachen, Zu-/Abgänge, Auswirkungen/Folgen (ggf. in Art, Richtung und Geschwindigkeit)

• Bewertung raumwirksamer Prozesse hinsichtlich ihrer Auswirkungen und der damit verbundenen Probleme • ggf. Prognosen über die weitere Entwicklung bzw. den

weiteren Verlauf Reflexion/Bewertung z.B. über die Aussagekraft des Bildes

mit Blick auf eine bestimmte Fragestellung (nicht sichtbare Rauminformationen als Folge der Kanalkombination oder aufgrund der Raumauflösung)

Reflexion/Bewertung z.B. der Nützlichkeit einer Karte als Informationsgrundlage (nicht enthaltene Rauminforma- tionen aufgrund von thematischen Schwerpunktsetzungen oder bestimmten Darstellungsweisen)

Mentale Wirkung (Weiter-)Entwicklung einer depiktionalen mentalen

Repräsentation des Erdraums (kognitiven Übersichts-/ Überblickskarte) unter Abgleich mit bereits bestehenden kognitiven Strukturen => Entwicklung eines Raumbewusst- seins inklusive eines Bewusstseins und Verständnisses für die räumliche und zeitliche Dimension von natürlichen wie anthropogenen Gegebenheiten und Abläufen sowie von Mensch-Umwelt-Interaktionen

(Weiter-)Entwicklung einer depiktionalen mentalen Repräsentation des Erdraums (kognitiven Übersichts-/ Überblickskarte) unter Abgleich mit bereits bestehenden kognitiven Strukturen => Entwicklung eines Raumbewusst- seins, d.h. „sich aus der Karte ein Bild der abgebildeten

Wirklichkeit machen zu können“ (Hüttermann 2001: 31)

*Hinweis: Alle Angaben beziehen sich auf Senkrechtluftbilder (Orthofotos) und Satellitenbilder, die für den Einsatz im Unterricht vorbereitet sind und keiner weiteren Bildbearbeitung bedürfen.

Quellen in Bezug auf Luft- und Satellitenbilder: Bär 1977; Geiger 1979, zit. in Hassenpflug 2012: 254; Scholz et al. 1983; Beckel & Winter 1989; Weidenmann 1991b, 1994: 22; Schnotz 1993b, 2001, 2002: 65f., 2006: 853; Schnotz et al. 1993; Hildebrandt 1996; Ballstaedt 1997; Claaßen 1997a; Lewalter 1997; Maier 1998; Seger 2001: 394ff.; Paine & Kiser 2003; Ustin et al. 2004: 680; Adamina & Wyssen 2005;

Im Dokument Digitale Luft- und Satellitenbilder in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung - Eine empirische Untersuchung mit Kursstufenschüler/innen zur Wirksamkeit für die systemische Erschließung von Erdräumen am Beispiel des Braunkohleabbaus im Rheinland (Seite 142-164)