5. Migration nach Bathore

5.2 Ansiedlung am Stadtrand: Informelle Landnahme und Bebauung

Auf der Suche nach Wohnfläche oder Baugrund in der Hauptstadtregion entdeckten die Vor- reiter der Migranten, meist männliche Haushaltsvorstände, nördlich von Tirana ein weitläufi- ges Areal an brachliegenden Flächen, die sie für ihre Zwecke beanspruchten. Diese Flächen wurden während des Sozialismus von verstaatlichten landwirtschaftlichen Kollektiven für den Anbau von Obst und Gemüse, darunter Bohnen20, genutzt. Schnell sprach sich dies unter den potentiellen Migranten in den Herkunftsdörfern herum, so dass immer mehr Nordalbaner nach Bathore migrierten und Land für sich und wenn möglich für ihre Verwandte nahmen. Dieses steckten sie umgehend mit Zäunen ab, wodurch sie es ihrem eigenen Rechtsver- ständnis nach als ihr Grundstück markierten und sie vor dem Eindringen von angrenzenden Nachbarn und Neuankömmlingen schützten (Gjeçov/Fox 1989: 73f.). Zu Beginn dieser An- siedlungsphase war so viel Fläche vorhanden, dass die meisten Grundstücke von Grünflä- chen von etwa 500 m2 umgeben waren. Zunächst stellten die ersten Siedler sporadisch Hüt- ten aus Pappe und Wellblech auf, die eng und nässedurchlässig waren, ein- und mehrstö- ckige Häuser erbauten sie erst später. Teilweise holten sie ihre Familie und auch nahe Ver- wandte unmittelbar nach, so dass diese in den provisorischen Hütten unterkommen muss- ten, teilweise aber erst, sobald die Häuser einzugsbereit waren. Verwandte, die wiederum mit ihren Familien nachkamen, ließen sich vorzugsweise auf demselben oder einem anger- enzenden Grundstück nieder. Auf diese Weise entstanden in Bathore Nachbarschaften auf der Basis von patrilinear erweiterten Haushalten, wie Santner-Schriebel auch für Shkodër feststellt (Santner-Schriebel 2002: 106ff., Voell 2004: 194ff., 248ff.).

Die meist einstöckigen Häuser waren so konzipiert, dass jederzeit ein weiteres Stockwerk angebaut werden konnten. Die Zäune wurden allmählich durch hohe Mauern ersetzt, die vor fremden Blicken sowie vor dem Eindringen ungewollter Besucher schützen sollten. Insge- samt brachten die meisten Migranten einige Jahre, viel Geld und Arbeit für den Hausbau auf, für den die Arbeitskraft von Verwandten und Nachbarn, aber auch Rücküberweisungen von

20

71 Familienmitgliedern aus dem Ausland notwendig waren (Santner-Schriebel 2002: 106ff.). Um das Haus herum wurden Gärten für Obst- und Gemüseanbau angelegt, die bis heute eine Grundlage für Semi-Subsistenzwirtschaft bieten. Einige Familien halten auch Hühner, selte- ner Ziegen oder eine Kuh, doch in Bathore haben sie generell zu wenig Grund für Landwirt- schaft wie in den Dörfern. Der Mythos von unbegrenzten Freiflächen am Stadtrand wurde schnell von der Realität eingeholt. Zudem ist nicht genug Arbeitskraft für landwirtschaftliche Tätigkeiten vorhanden wie früher, als die benachbarten Verwandten einander aushalfen. Eine Frau aus Dibër, die als Jugendliche nach Bathore kam, beschreibt die Umstände der Ansiedlung wie folgt:

„In Bathore war das Land billiger, hier gab es größere freie Grundstücke, daher kamen die Leute hierher. Als wir das mitbekamen, wollten auch wir hierherkommen. Hier haben wir unser eigenes Leben aufge- baut. Mit Leuten aus der Stadt leben wir lieber nicht zusammen, da sie eine andere Kultur als wir haben. Aber auch hier war es schwierig, da es hier nicht ganz unseren Vorstellungen entsprach, um zum Bei- spiel Kühe und Hühner halten zu können. Aber in der Stadt könnten wir gar keinen Ort gestalten, der un- seren Wünschen entspricht. Bathore war damals komplett leer. Als wir hierher kamen, standen hier nur sehr wenige Häuser. Als mein Vater hierher kam, nahm er sich ein Stück Land. Als er vom Dorf hierher kam, war Bathore nicht so dicht besiedelt, sagt er, es war noch ziemlich leer. Also jemand, der selbst der Eigentümer war, gab ihm Land. Eins steht fest, damals war es nicht so dicht besiedelt, und man musste nicht bezahlen, sagt er“ (Zafira 12.03.2010: Zeile 31-39).

Dieses Zitat offenbart zum einen die Ansiedlungsmotive – billige Freiflächen am Stadtrand, zum anderen wird deutlich, dass ländliche und städtische Lebensweisen aufeinandertreffen, wodurch beide herausgefordert werden. Der öffentliche Raum in Bathore ist im Vergleich zu dem Heimatdorf fremd und erfordert Anpassungen der alltäglichen Praktiken, wie später noch behandelt wird. Daraus geht auch hervor, dass die eigene ländliche Lebensweise mit der städtischen als nicht übereinstimmend wahrgenommen wird. Durch das Leben an einem stadtnahen, aber dennoch ländlich geprägten Ort können Konflikte mit der urbanen Lebensweise in Tirana vermieden werden. Bathore stellt einen Raum zwischen Stadt und Land dar, in dem soziale Organisationsregeln, Normen und gewohnte Verhaltensrepertoires des dörflichen Alltags erhalten werden sollten. Aber auch dort können herkömmliche Praktiken wie die dörfliche Landwirtschaft nicht weiter durchgeführt werden, sondern müssen an das neue Umfeld angepasst werden.

Ohne informelle Landnahme wäre eine solche massive Ansiedlung von Binnenmigranten am Rande der Hauptstadt nicht möglich gewesen. Die Mehrheit der Landnehmer war sich zwar bewusst, dass dieses Staatseigentum war, sah sich allerdings nicht verpflichtet, Abgaben an den Staat zu leisten. Ihrer Ansicht nach habe er nichts verdient, da er sich nie für sie einge- setzt und sie finanziell unterstützt habe. An der Legitimität ihres Grundbesitzes und ihres darauf erbauten Hauses gäbe es daher keinen Zweifel. Die Landnahme von staatlicher Flä- che und ungenehmigter Gebäudebau reflektieren die damalig vorherrschende Einstellung der ärmeren Landbevölkerung gegenüber Recht und Gesetz: Als legitim galt, sich das vom Staat zu nehmen, was für die Bestreitung der Existenzgrundlage gebraucht werde, da sich nicht auf den Staat verlassen werden könne. Vom Staat erlassene Gesetze spielten dabei

72 kaum eine Rolle. Sie wurden aufgrund von in der Vergangenheit gemachten negativen Er- fahrungen nicht als handlungsbestimmender Rahmen erachtet, der zukünftig handlungser- weiternd wirken könnte – wie bei Vertrauen gemeinhin der Fall. Denn es wurde nicht davon ausgegangen, dass der Staat Vereinbarungen auf der Basis seiner Gesetze in Zukunft ein- halten würde (Bardhoshi 2010: 115ff., Luhmann 2009 [1968]: 17ff.).

Die genauen Umstände der Landnahme blieben während meiner Forschung in Bathore trotz vieler Nachfragen vage, da meine Gesprächspartnerinnen nicht die Entscheidungsträger waren, und dieses Thema ein heikles war. Anfangs wurde mir erklärt, dass sie das Land genommen beziehungsweise besetzt hätten (me marrë/ me zënë), was häufig durch die Aussage revidiert wurde, sie hätten das Land dem Vorbesitzer abgekauft. Diese früheren Landnehmer machten durch den Landverkauf Gewinn, ohne formelle Grundtitel übertragen zu können. Auf diese Weise konnten Grundstücke an gut gelegenen Standorten noch güns- tig erworben werden, als Freiflächen bereits knapp wurden. Außerdem kam es vor, dass nach der Landnahme angebliche Grundbesitzer eine Bezahlung für das bereits bebaute Grundstück einforderten. Ab Mitte der 1990er Jahre, als die meisten von mir befragten Per- sonen nach Bathore kamen, und Bathore etwa 20.000 Einwohner fasste, waren zentral gele- gene Standorte an der Hauptstraße bereits knapp, und es entfachten Konflikte um gute Grundstücke nicht nur unter Migranten unterschiedlicher, sondern auch derselben Herkunfts- region. Wie Santner-Schriebel bemerkt, distanzierten sich etablierte Migranten aus Dukagjin von neuen aus derselben Heimatgegend und festigten somit ihre Zugehörigkeit zu der älte- ren Gruppe (Santner-Schriebel 2002: 106ff.). Demnach folgte Mitte der 1990er Jahre der ersten Ansiedlungsphase, die der Landnahme, schon die zweite, die des Landverkaufs. Ge- nommener und selbst gestalteter Wohnraum in Bathore wurde verkauft oder auch vermietet, bevor überhaupt die offizielle Regulierungsmaßnahmen einsetzten. Damals waren die Grundstücke in Bathore noch wesentlich billiger als heute: Durchschnittlich betrug der Preis von hundert Quadratmetern 100.000 Lek (etwa 720 Euro). Bodenpreise stiegen bis heute auf mindestens das Doppelte an, da die Fläche immer knapper und die Nachfrage immer höher wurden. Ein Architekt von Co-Plan wies darauf hin, dass Grundstücke in Bathore aufgrund der stadtnahen Lage weiter an Wert gewinnen würden (Derraj 24.04.2009, Voell 2004: 257ff.). Hier zeichnen sich Parallelen zu Gecekondu-Siedlungen in Istanbul ab, in denen seit den 1980ern Kommerzialisierungsprozesse die ´Self-Service-Urbanisierung` ablösten (Esen 26.01.2007: 4f., 2005: 36ff.).

Das Ausmaß an Landnahme seit Anfang der 1990er Jahre spiegelt allerdings nicht nur die begrenzten Handlungsmöglichkeiten der Migranten wider, sondern auch die Handlungsohn- macht des neu etablierten albanischen Rechtstaates gegenüber den hohen Migrationswellen in Richtung Hauptstadt. Der Staat zog sich zunächst zurück, indem er diese Problematik leugnete, da er auf solche Dynamiken nicht vorbereitet war. Als die ungesteuerte Ansiedlung

73 am Stadtrand bedrohliche Ausmaße anzunehmen schien, leitete er repressive Maßnahmen ein, die in den Jahren 1992 und 1995 den Abriss informell errichteter Gebäude in Bathore vorsahen. Gegen den zweiten Abrissversuch wehrten sich die Siedler von Bathore mit Waf- fengewalt, um ihrer aufgebauten Lebensgrundlage und ihrem sozialen Umfeld nicht entrissen zu werden. Die heterogene Gruppe organisierte sich erstmals als eine Einheit und ging mit einem bewaffneten Protestmarsch gegen die Polizei vor. Sie blockierte eine große Brücke nahe der Siedlung, die die einzige Verbindung zwischen der Hauptstadt und Nordalbanien war. Die Drohung, die Hauptstadt anzugreifen, falls ihre Häuser zerstört werden sollten, war erfolgreich: Die Regierung nahm ihr Abrissvorhaben zurück und ließ die Siedler gewähren. Sie musste nachgeben, da Tirana keine alternativen Unterkünfte und Infrastruktur für Zwangsumsiedlungen hatte, und ließ daher die Siedler gewähren. Aus der Sicht vieler Stadt- entwicklungsplaner war die Erhaltung dieser Siedlungen die einzig realistische Alternative (Derraj 24.04.2009, Kokana 17.04. 2009, Voell 2004: 19, 194ff., 248ff., 257ff.)

Die kollektive Bedrohung durch die Abrissmaßnahmen des albanischen Staates war ein ein- schneidender Moment für die Beziehung der Bewohner von Bathore untereinander sowie zwischen ihnen und den Bewohnern von Tirana. Einerseits entstand ein Gemeinschaftsge- fühl und eine soziale Kohäsion unter jenen, da sie zum ersten Mal gemeinsam gegen den ´Anderen`, den bedrohlichen Staat, kämpften. Andererseits kippte die Einstellung der Ein- heimischen der Hauptstadt ihnen gegenüber ins Negative, die sie bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend ignorierten. So entzündete der bewaffnete Widerstand den stigmatisierenden und ausschließenden urbanen Diskurs in Tirana über die Migranten aus dem Norden des Landes. Das Bild eines aufgehetzten, mit Gewehren und Mistgabeln bewaffneten Mobs ma- nifestierte sich in den Köpfen vieler Einheimischer und prägte deren Einstellung gegenüber den Siedlern am Stadtrand nachhaltig, die sie zunehmend mit einer Kombination aus Angst und Arroganz abwerteten und ausgrenzten. Bathore haftet seitdem ein sehr schlechter Ruf an, so dass allein die Nennung der Siedlung eine Mischung aus Empörung und Angst sowie Vorurteilen und Abwertungen hervorruft. Deren Bewohner gelten bis heute im Zentrum der Stadt als ´ungebildete`, ´rückständige`, ´gewalttätige` und ´kriminelle` Bergbewohner (malokë), mit denen keine Berührungspunkte erwünscht sind (Derraj 24.04.2009, Kokana 17.04.2009, Voell 2004: 19, 194ff., 248ff., 257ff.).

Ansiedlung am Stadtrand in Kombination mit informeller Landnahme und Bebauung stellt demzufolge während der Transformationsphase eine grundlegende Überlebensstrategie für die Landbevölkerung aus Nordalbanien dar, wodurch der Traum von einem besseren Leben erfüllt werden sollte. Doch die Ansiedlung an der Peripherie von Tirana löste nicht zwangs- läufig alle Probleme alltäglicher Lebenswelten, sondern bewirkte neue Verunsicherungen. Es stellt sich die Frage, wie Binnenmigranten angesichts dessen ihren Alltag bewältigen.

74

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 81-85)