Annäherung an den Begriff Dekonstruktion

Im Dokument Dichotomie - Dekonstruktion - Differenz (Seite 47-51)

2. Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von

2.2 Dekonstruktion als ein Weg aus dem Denken einer binären Einheitslogik?

2.2.2 Zur Bedeutung des Poststrukturalismus

2.2.2.2 Annäherung an den Begriff Dekonstruktion

Auf die Methode der Dekonstruktion wird im poststrukturalistischen feministischen Dis- kurs immer wieder rehkurriert, sie fungiert hier i.d.R. als Verfahren, Herstellungsmecha- nismen hegemonialer Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht in ihrem symbolischen Bestand aufzuzeigen ( vgl. exemplarisch Judith Butler 1991, 1995).

Dekonstruktion als Methode des Poststrukturalismus steht im Zusammenhang mit dessen Überlegungen zu Sprache, Subjekt und Macht. Mit dem Verweis auf die poststrukturalisti- sche Basis von Dekonstruktion wird der Unterschied zu Überlegungen von Androgynie und Gleichheit und Differenz deutlich: Dekonstruktion verweist auf den Konstruktionscha- rakter z.B. von Geschlecht. Es zeigt auf, wie auf der Ebene von hegemonialen Macht- strukturen die Kategorie Geschlecht durch Ein- und Ausschlussverfahren hergestellt wird. Die Überlegungen zur Androgynie bzw. zur Gleichheit und Differenz hingegen gehen von einem biologischen, „natürlichen“ Fundament aus.

Dekonstruktion ist ein erkenntnistheoretisches Verfahren, dessen Gegenstand die Meta- physik, das Nachdenken über Art und Zweck des Seins ist. Auf der Ebene von gesell- schaftlichen Machtverhältnissen werden im poststrukturalistischen Denken Subjekte durch ein System von Regeln und durch vernünftige Verhaltensweisen (Maurice Blanchot: 38). Christiane Fäcke weist in diesem Zusammenhang auf die doppelte Bedeutung des Titels „Von der Unterwerfung zur Subjekt-

Ein- und Auschlussverfahren hergestellt. Mit dem Verfahren der Dekonstruktion wird ver- sucht, diese Mechanismen aufzuzeigen.

Jacques Derrida ist hierfür der Vertreter mit seiner Theorie der „différance“. „Différance“ ist ein Kunstbegriff Jacques Derridas in Abweichung des Begriffes „différence“ (Diffe- renz). „Différance“ bezeichnet Jacques Derrida als Wurzel der Verschiedenheit. In der „Différance“ sieht er das Unentscheidbare, dass „Weder noch“. „Différance“ sei eine Spur, eine Verweisung auf einen anderen Gegenstand. „Différance“ sei eine Bewegung, die je- den Code oder die Sprache historisch als Gewebe von Differenzen konstituiert. D.h. die Gegensätze verschieben sich zu einem Gewebe von Differenzen. „Différance“ ist eine Spielbewegung mit der Möglichkeit, Begrifflichkeiten, Begriffsprozesse und Begriffssy- steme zu verschieben.

Was sich différance schreibt, wäre also jene Spielbewegung, welche diese Differenzen, diese Effekte der Differenz, durch das „produziert“, was nicht einfach Tätigkeit ist. Die différance, die diese Differenzen hervorbringt, geht ihnen nicht etwa in einer einfachen und an sich unmodifizierten, in-differenten Gegenwart voraus. Die différance ist der nicht-volle, nicht-einfache Ursprung der Differenzen (Jacques Derrida 1988: 37).

Exemplarisch bezogen auf das Komplement Intellegibel und Sinnlich z.B. bedeutet dies, dass das Intelligible sich vom Sinnlichen unterscheidet. Es existiert eine Differenz (diffé- rence). Nach Derrida unterscheidet sich das Intelligible vom Sinnlichen darüber hinaus als „aufgeschobenes Sinnliches“(différance), Intelligibel und Sinnlich erscheinen als eins. Sie sind nur jeweils aufgeschoben bzw. verschoben. Differenzen (différences) sind so begrif- fen, unaufhebbar und Elemente des gleichen.

Das Gleiche ist gerade die différance (mit a) als aufgeschobene doppeldeutiger Über- gang von einem Differenten zum anderen. Man könnte auf diese Weise alle Gegensatz- paare wieder aufgreifen, auf denen die Philosophie aufbaut und von denen unser Dis- kurs lebt, um an ihnen nicht etwa das Erlöschen des Gegensatzes zu sehen, sondern ei- ne Notwendigkeit, die sich so ankündigt, dass einer der Termini als différance des an- deren erscheint (Jacques Derrida 1988: 43).

Jeder Begriff stellt die Notwendigkeit für den anderen dar, Gegensätze werden als vonein- ander abhängige Konstruktion begriffen, in der das eine immer das andere ist, Begriffe werden unentscheidbar31. Zygmunt Baumann, der sich im Rahmen seiner Überlegungen

zur Postmoderne auch mit Jacques Derridas Denken befasst hat, macht Folgendes deutlich: werdung“ (De l´assujettissement au sujet) hin (vgl. Christiane Fäcke 2000: 66).

31 Derrida diskutiert das Unentscheitbare exemplarisch am Begriff „Pharmakon“. Das „Pharmakon“ schließt

sowohl die Bedeutung „Gift“ als auch „Heilung“ ein. „Pharmakon ist die reguläre, geordnete Polysemie, die durch eine Schräglage, Indetermination oder Überdetermiation, aber ohne Fehlübersetzung die Wiedergabe

Unentscheidbar sind alle weder/noch; was so viel sagt wie, dass sie gegen das entwe-

der/oder kämpfen. Ihre Unterbestimmtheit ist ihre Macht: Weil sie nichts sind, können

sie alles sein. Sie machen Schluss mit der ordnenden Macht der Opposition und ebenso mit der ordnenden Macht des Erzählers der Opposition (Zygmunt Baumann 1996: 77).

Der Logik der différance folgend, bedeutet Dekonstruktion nicht, die Gegensätze zu neu- tralisieren, sondern es bedarf einer „doppelten Strategie“. Zum einen müsse, so Jacques Derrida, ein Umbruch durchlaufen werden und zum anderen muss ein neuer Begriff einge- setzt werden. Dies müsse ein Begriff sein, der sich in der vorangegangenen Ordnung nicht verstehen lässt. Würde kein neuer Begriff entwickelt, so Jacques Derrida, verharre man auf dem „dekonstruierten Gebiet“. Dieser neue Begriff erwächst aus bekannten Begriffen und ist gleichzeitig unentscheidbar.

Sie [die Unentscheidbaren. Anmerkung A.S.] sind die Vorahnung jenes „dritten Ele- ments“, das nicht sein sollte. Sie sind die wahren Hybriden, die Monster – nicht einfach

unklassifiziert, sondern unklassifizierbar. Sie stellen nicht einfach diese Opposition in

Frage: Sie stellen Oppositionen überhaupt in Frage, das Prinzip der Opposition selbst, die Plausibilität der Dichotomie selbst, die es suggeriert, und die Möglichkeit der Tren- nung (Zygmunt Baumann 1996: 80).

Vor diesem Hintergrund ist Dekonstruktion ein Balanceakt zwischen dem Aufdecken von Begriffen und Zuschreibungen und der gleichzeitigen Zementierung derselben. Es bedarf einer „doppelten Geste“ oder des „doppelten Blicks“ wie ihn Carol Hagemann-White (1993) beschreibt32. Jacques Derrida formuliert selbst:

So gesehen kann man also in Bezug auf den Geschichtsbegriff wie in Bezug auf jeden anderen auch, keine einfache und augenblickliche Veränderung in Gang setzen oder gar einen Namen aus dem Wortschatz streichen. Man muss eine Strategie der textlichen Arbeit entwickeln, die der Philosophie immer wieder ein altes Wort entnimmt, um es anschließend von ihrer Zeichnung zu lösen (...). Man muss zum einen den herkömmli- chen Geschichtsbegriff umstürzen und zugleich Abstand kennzeichnen (...) und man muss darauf achten, dass er nicht aufgrund des Umsturzes oder durch die Tatsache der Begriffsbildung wiederangeeignet wird. Natürlich muss man eine neue Begriffsbildung einleiten, aber man muss sich dessen bewusst sein, dass die Begriffsbildung selbst und

desselben Wortes durch >Heilmittel<, >Rezept<, >Gift<, >Droge<; >Filter>, usw. erlaubt. Wegen dieser Fähigkeit ist pharamakon zunächst vor allem machtvoll: `es hat am Guten wie am Üblen teil, am Angeneh- men wie am Unangenehmen.´ Pharmakon ist schließlich `weder das Heilmittel noch das Gift, weder gut noch böse, weder das Drinnen noch das Draußen.´ Pharmakon verzehrt und überrennt alle Opposition – die pure Möglichkeit der Opposition selbst“ (Zygmunt Baumann 1996: 76)

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Carol Hagemann-White schlägt den doppelten Blick als Forschungsmethode vor. Es reicht nicht aus, nur den Blickwinkel zu verlagern, sondern es muß gleichzeitig der alte Blick beibehalten werden. Dieser ist das Instrument, mit dem Material für den neuen Blick gewonnen werden kann (Carol Hagemann-White 1993: 74).

sie allein das, was man „kritisieren“ möchte, wieder einführen kann [Auslassungen A.S.] (Jacques Derrida 1986: 120).

Jacques Derrida geht es in seinem Verständnis von Dekonstruktion um das Nicht - Gedachte, das Verdrängte und Unterdrückte. Hegemoniale Zwänge bestimmen, was kon- stituiert wird und was nicht, es herrscht ein Zwang, sich zuordnen zu müssen – entweder zum einen oder zum anderen, entweder sind Menschen Frauen oder Männer, entweder sind sie homo- oder heterosexuell. Diese hegemonialen Ein- und Ausschlussverfahren passieren permanent. Durch diese Ein- und Auschlussverfahren konstituieren sich die Subjekte und damit auch das hierarchische Geschlechterverhältnis. Birgit Wartenpfuhl bringt in dieses Arrangement Überlegungen von Machthierarchien ein:

Diese vielfältigen Identifizierungen als einen „Knotenpunkt anzunehmen, verweist auch auf die „différance“ bei Derrida als ein Bündel von Verweisungen innerhalb eines Netzes. So verschieben sich die Kategorien „Geschlecht“, „Klasse“, „Rasse“, „sexuelle Orientierung“, die als Vektoren der Macht hierarchisiert und gegeneinander ausgespielt werden, bei Butler und Derrida innerhalb des Netzes zu „Kraftlinien“, die aufeinander- und auseinander laufen, die sich kreuzen und mischen. Das Netz dokumentiert die de- zentrierte Struktur von Hierarchisierungen und Ausgrenzungen als ein Gewebe von Differenzen (Birgit Wartenpfuhl 1996: 206).

Es scheint notwendig, transparent zu machen, in welche Identifizierungen Subjekte ver- wickelt sind und welche Identifizierungen sie gleichzeitig ausschließen und verwerfen. Diese hegemonialen Ein- und Ausschlussverfahren, durch die Subjektpositionen sich kon- stituieren und konstruieren, können mit Hilfe von Dekonstruktion aufgezeigt werden. Des- halb muss sich Dekonstruktion in das zu dekonstruierende Feld hineinbegeben. Dekon- struktion ist demzufolge mit dem zu Dekonstruierenden verknüpft und deshalb dürfe De- konstruktion, so Jacques Derrida, zum einen nicht die binären Gegensätze neutralisieren und sich zum anderen nicht in diesem geschlossenen Feld der Gegensätze einfügen und sie somit perpetuieren. Dekonstruktion wird in der Philosophie als Arbeitsprozess bezeichnet, durch den etwas aufgeteilt wird und in seine Bestandteile aufgelöst wird. Dies bedeutet, dass die Dekonstruktion der Metaphysik nicht die Abschaffung der Metaphysik ist, son- dern das Gegenteil, nämlich die Aufdeckung derselben.

Dekonstruktion kann gegensätzliche Strukturen aufzeigen und deutlich machen, dass die Ungleichheit von Begriffspaaren im Gegenstand der Opposition gegeben ist, also in dem Zwischenraum zwischen den Begriffen: einer der beiden Begriffe wird durch die Abhän-

gigkeit des anderen kontrolliert. Daraus folgt, dass, indem die Opposition dekonstruiert wird, die Hierarchie zwischen den Begriffen ins Wanken gebracht werden kann.

So geht beispielsweise Judith Butler von der Reversibilität von Zuschreibungsprozessen durch Dekonstruktion aus. D.h. Dekonstruktion kann dazu beitragen, Mechanismen von gesellschaftlichen soziokulturellen Konstruktionen wie z.B. Geschlecht, Schicht, Ethnie aufzudecken. Dekonstruktion ist in diesem Sinne keine praxisorientierte Theorie, sondern ein Denkmodell, das es möglich macht, Zuschreibungen in ihrem symbolischen Bestand aufzuzeigen, ohne neue Zuschreibungen anbieten zu müssen.

Dekonstruktion geht nicht von Wesensmäßigkeiten aus, sondern kommt antiessentialistisch daher und ist somit nicht genötigt, essentielle Wahrheiten zu produzieren. Es geht bei De- konstruktion nicht um das Auflösen bestimmter Zuschreibungen, Dinge, Begriffe oder gar Körper, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt, sondern um das Offenlegen des gesell- schaftlich – kulturellen Gewordenseins von Zuschreibungen, Dingen, Begriffen und Kör- pern.

2.2.3 Dekonstruktion und poststrukturalistische, feministische Denkbewegungen

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