Amt und Charisma

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 68-73)

2 Die Kirche im Hirten des Hermas

3.3 Amt und Charisma

3.3 Amt und Charisma

In seiner Forschung über die kirchliche Organisation in der Didache unterscheidet Harnack zwischen einigen Diensten geistlicher oder reli- giöser Natur für die ganze Kirche (Apostel, Propheten und Lehrer) und anderen Diensten administrativen Charakters für die Einzelgemeinde (Episkopen und Diakone).22 Letztlich geht es um den Unterschied

zwischen einem charismatischen und einem administrativen Dienst, vergleichbar mit jenen Diensten der politischen Organisationen. Es besteht ein Unterschied zwischen Diensten charismatisch-übernatür- lichen Charakters (Apostel, Propheten, Glossolalie...) und anderen natürlichen Diensten.

Die Ansätze Harnacks und Sohms Hypothese einer ursprünglich „charismatischen Kirche“23 führten zu einer großen Debatte über das

Verhältnis von Charisma und Ämtern.24Sohm versteht die Kirche als

eine charismatische Gemeinschaft und bricht mit dem protestanti- schen Konsensus in dieser Frage am Ende des 19. Jahrhunderts.25 Nach

seiner Meinung ist die Kirche eine geistliche Größe, die „den Nor- men des Irdischen, auch dem Recht entrückt“ ist.26 Die Ortsgemein-

deversammlung ist eine der verschiedenen Erscheinungsformen der Ekklesia, der Versammlung des gesamten Christenvolks. Die Kirche/ Ekklesia ist sichtbar und wirksam in all ihre Versammlungen und hat

22 Vgl. Harnack, Adolf von, Die Lehre der Zwölf Apostel (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 212), Leipzig 1884, 145–150.

23 Vgl. Sohm, Rudolph, Die geschichtlichen Grundlagen (Kirchenrecht 1), München – Leipzig 21923, 19–26.

24 Conzelmann, Hans, Art. Charisma, in: ThWNT 9 (1973) 396 ist der Ansicht, dass das Verhältnis von Geist und Amt „eines der schwersten Probleme der frühen Kir- chengeschichte“ darstellt. Eine ausführliche Beschreibung dieser Debatte kann man in Brockhaus, Charisma, 7–94 und in Nardoni, Enrique, Charism in the early Church since Rudolph Sohm. An ecumenical Challenge, in: Theological Studies 53 (1992) 646–662 finden.

25 Nardoni, Charism, 647 beschreibt wie folgt diesen Konsens: „According to that con- sensus, the early Church was a voluntary association in which preaching and teaching were performed by the charismatic action of apostles, prophets and teachers, and mat- ters of administration and worship were conducted by the humanly instituted presby- ters/bishops. In this vein, the early local churches were autonomous and democratic associations resulting from the believers' decision“.

ihre Organe. Ihre Organisation ist jedoch nicht rechtlicher Natur.27

Die Kirche ist organisiert durch die Verteilung von Charismen, wel- che jeden Christen zu verschiedenen Tätigkeiten in der Gemeinde „befähigen und berufen“.28 Der Dienst (διακονία), zu welchem das

Charisma beruft, ist ein von Gott gegebener Dienst. So hat die Kir- che eine „von Gott gegebene Organisation“.29 Aber diese urchristliche

Verfassung, diese charismatische Organisation, wurde beseitigt. Im 1.

Clem. kündigt sich die „Entstehung des Kirchenrechts“ Ende des ers-

ten. Jahrhunderts an.30

Sohms These hatte einen großen Einfluss auf die spätere protes- tantische Forschung und hat wichtige Befürworter.31 Andere Autoren

sind jedoch anderer Meinung. Sie glauben, dass die Charismen nicht unvereinbar mit den Ämtern sind. Charismen und Ämter bestehen ohne Widerspruch nebeneinander und sind wesentliche Elemente der Kirche.32

27 Vgl. Sohm, Kirchenrecht, 21f. Nach seiner Meinung existiert nur die Ekklesia und nur sie ist organisiert. Man kann nicht von Organen oder Organisation der Ortsgemein- den oder der Hausgemeinden sprechen.

28 Ebd., 26.

29 Vgl. Ebd., 26. Es gibt ein „Charisma, welchem die Führung der Gemeinde … anver- traut ist: die Lehrgabe“ (28). In der Lehrgabe der Apostel, Propheten und Lehrer liegt die Gabe der Gemeindeleitung (29). „Das Wort Gottes ist die letztlich entscheiden- de Quelle für die Ordnung der Ekklesia“, aber die Lehre ist „Sache des Lehrbegabten, welcher kraft ihres Charismas autoritär das Herrenwort ... verkündigt“ (29).

30 Sohm, Kirchenrecht, 159f. „Nach dem Clemensbrief haben die ‚bestellten Ältesten‘ ein auf göttlicher Ordnung beruhendes Recht auf das Bischofsamt d.h., auf Verwal- tung der Eucharistie und des Kirchenguts“.

31 Brockhaus, Charisma, 20–46 analysiert in diesem Sinne die Ansätze verschiedener Autoren wie Scheel, Lietzmann, Holl, Käsemann, Campenhausen und Schweizer. Mit unterschiedlichen Modifikationen behalten sie drei Gedanken bei: a) Eine „charisma- tische Gemeindeorganisation“ im Urchristentum oder wenigstens in den paulinischen Gemeinden; b)Ein Gegensatz von Geist und Recht, Charisma und Amt, obwohl sie die radikale Antithese Sohms mildern; c) Der Gedanke eines späteres Abfalls von Geist zum Recht, vom Charisma zum Amt (45f.). Nardoni, Charism, 651 stellt fest, dass „the institutionalization of the churches at the end of the first century is for them a defection from the early, authentic Christian Church“.

32 Vgl. Nardoni, Charism, 651. Brockhaus, Charisma, 47–62 beteuert, dass diese Theologen das Amtliche gegenüber dem Charismatischen nicht abwerten und „die Gefahr des Enthusiasmus ebenso stark betonen, wie die erste Gruppe die der Institu- tionalisierung“ (47). Zu dieser Gruppe gehören Theologen wie Lauterburg, Michel, Grau, Greeven, und Goppelt. Brockhaus fasst ihre Positionen so zusammen: 1)Geist und Recht, Charisma und Recht widersprechen sich nicht, sondern gehören zusammen;

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Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sind die katholischen Forschun- gen von der Vorstellung einer von Jesus begründeten hierarchischen Kirche gekennzeichnet. Sie betonen den wesentlichen Unterschied zwischen Klerus und Laien, und die Charismen spielen eine unterge- ordnete Rolle.33 Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es eine

Änderung der Denkansätze in dieser Frage. Man kann eine wachsende Anerkennung der Bedeutung des Geistes in der Kirche finden. Die Kirche besteht nicht nur aus einer institutionellen Struktur, sondern auch aus einer Vielzahl von Charismen, die jeder Glaubende zum Auf- bau der Kirche einsetzen kann und muss.34 Es entsteht eine wichtige

Gruppe katholischer Forscher, die die These verteidigen, dass sowohl die institutionellen Ämter als auch die Charismen die Kirche bilden und beide ein Geschenk des Geistes sind.35 Heutzutage besteht ein

gewisser Konsens in der pneumatologischen Dimension der Kirche und in der These des Nebeneinanderbestehens der Charismen und Ämter seit den frühen Anfangstagen der Kirche.

Die vorherige Debatte hat die Forscher gezwungen zu bestim- men, welches Konzept von Charisma und Amt man verwendet. Sehr bedeutend ist in diesem Sinne der soziologische Begriff von Charisma

2) Sogar bei Paulus kann man betrachten, wie eine amtliche Ordnung notwendige Un- terschiede zwischen den Gemeindegliedern und eine Sonderstellung einzelner mit sich bringt; 3) Modell dieser charismatischen Amtskonzeption sind meist die Wortcharis- men; 4) Die solenne Einsetzung in das Amt (Ordination) erscheint gelegentlich als von Anfang an vorhandenes Element; 5) Die Organisation der paulinischen Gemeinden ist nicht rein charismatisch, sondern enthält rechtlich-institutionelle Elemente; 6) Einige Autoren differenzieren zwischen dem Entwurf des Paulus im Röm 12 und 1 Kor 12 und der organisatorischen Wirklichkeit in den Gemeinden (59f.).

33 Vgl. Nardoni, Charism, 654 und Brockhaus, Charisma, 86.

34 Vgl. Nardoni, Charism 655 in Bezug auf AA 3 und LG 4.12.

35 Vgl. ebd., 656f. Er erwähnt u.a. H. Küng, G. Hasenhüttl, J. Hainz, L. Boff, R. Schna- ckenburg und A. Vanhoye. Brockhaus, Charisma, 87 stellt fest, dass vor allem bei Küng und Hasenhüttl von einer „charismatischen Struktur“ der Kirche gesprochen wird. Beide setzen eine Art charismatischer Ordnung für die Wirklichkeit der früh- christlichen Gemeinden voraus. Wie Nardoni feststellt, sind die Auffassungen Küngs von verschiedenen Theologen, u.a. Y. Congar und P. Grelot, in Frage gestellt worden. Gegenüber der Vorstellung von einer ursprünglich rein charismatischen Gemeinde, verteidigt man heutzutage die These, dass sowohl die institutionellen als auch die cha- rismatischen Aspekte sehr ursprünglich sind.

bei Weber.36 Seiner Meinung nach ist die charismatische Herrschaft

in ihrer genuinen Form außeralltäglichen Charakters und ephemer.37

Sehr früh fängt ein Prozess in diesen Systemen an, den Weber als „die Veralltäglichung des Charismas“ bezeichnet.38 Holmberg versucht

eine Darstellung der Ämter im Urchristentum, besonders in den pau- linischen Gemeinden, mit der Hilfe soziologischer und analytischer Begriffe anzubieten.39 Er kommt zum dem Schluss, dass die Herrschaft

in den paulinischen Gemeinden aus der Perspektive der Soziologie nicht rein charismatisch ist, denn man kann auch traditionelle und rationale Elemente in dieser Herrschaft finden.40 Holmberg spricht

36 Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft, Grundriss der Verstehenden Soziologie, Tübingen, 41956, 122–124, erarbeitet einen Begriff von Herrschaft und bemerkt, dass

es nach ihrer Legitimation drei Typen legitimer Herrschaft gibt: a) Legale Herrschaft, die auf dem Glauben an die Legalität gesetzter Ordnungen beruht; b) Traditionelle Herrschaft; die auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditio- nen beruht; c) Charismatische Herrschaft: die „auf die außeralltägliche Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschafften Ordnungen“ beruht. Weber erkennt, dass keiner der drei Idealtypen „historisch ‚rein‘ vorzukommen pflegt“ (124).

37 Vgl. Weber, Wirtschaft, 140–142. Er stellt fest, dass „Charisma“ eine als außeralltäg- liche geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen soll, „um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichenoder mindestens nicht jedem zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ‚Führer‘ gewertet wird“ (140). Die bürokratischen und traditionellen Herrschaften sind dagegen „Alltags-Formen der Herrschaft“ (141). Die genuin charismatische Herr- schaft ist spezifisch das Gegenteil und wirtschaftsfremd. In reinem Typus verschmäht sie „die ökonomische Verwertung der Gnadengaben als Einkommensquelle“ (142).

38 Vgl. ebd., 142f. Die charismatische Herrschaft besteht „nur in statu nascendi in ideal- typischer Reinheit“. Im Laufe der Zeit ändert sich ihr Charakter wesentlich und „sie wird traditionalisiert oder rationalisiert (legalisiert) oder beides in verschiedenen Hin- sichten“ (143). Mit der Veralltäglichung mündet die charismatische Herrschaft in die Formen der patrimonialen, ständischen und bürokratischen Alltagsherrschaft (146).

39 Holmberg, Paul, 124 studiert die Begriffe Herrschaft und Charisma bei Weber und kritisiert einige seiner Ansätze. Holmberg fragt sich zum Beispiel, ob die Definition des Charismabegriffs bei Weber psychologisch oder soziologisch ist (140). Er weist darauf hin, dass dieser Begriff ziemlich unspezifisch ist (141). Jedenfalls bemerkt Holmberg, dass „this does not in itself diminish the typological, analytical value of the generalized category of ‘charismatic authority‘ that Weber had described“.

40 Vgl. ebd., 199. Er beteuert: „Even the founders of churches, such as Paul und Barnabas, refer to a common history and transmit a tradition, the ‚Gospel‘, containing a number of given elements of doctrine (christology, eschatology), cult (baptism, the Eucharist, the Lord's Day) and organization (the apostolate commissioned by Christ, the central role of the church in Jerusalem)“.

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von einer institutionalisierten charismatischen Bewegung, weil sie Ele- mente einer legalen und traditionellen Herrschaft zeigt.41

Das Problem besteht darin, dass Paulus einen anderen Begriff von Charisma verwendet, der eher theologischer Natur ist. Nach Brock- haus bedeutet das Wort „Charisma“ bei Paulus meist „Gabe“ bzw. „Geschenk“, die von Gott oder sogar von Menschen ausgehen kön- nen. In 1 Kor 12 und Röm 12 verwendet Paulus diesen Begriff in einem spezifischeren Sinne, wobei er hier die von Gott den Gläubigen indi- viduell zugeteilten geistlichen Gaben bezeichnet, die zum Wohl der Gemeinde ausgeübt werden sollen.42 Der Begriff Charisma würde bei

Paulus in diesem Sinne auch alltägliche Funktionen in der Gemeinde bezeichnen.43

Heutzutage bestreitet man den Widerspruch zwischen Amt und Charisma, und spricht sogar von einer falschen Dichotomie zwischen Charisma und Ordnung, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in vie- len neutestamentlichen Studien zu erkennen ist.44 Die Einteilung in

41 Holmberg, Paul, 199f. Dieser Autor spricht nicht von einer Veralltäglichung des Charismas wie Weber. Er verwendet lieber einen modernen soziologischen Begriff: die Institutionalisierung. Er spricht von einer Institutionalisierung des ursprünglichen charismatischen Systems, die am Anfang offen ist und verschiedene Richtungen neh- men kann. Das erklärt zum Teil „the variety of institutional solutions to the needs of churches in different regions und also why, for instance, local church leadership can develop differently in Corinth and Philippi“.

42 Vgl. Brockhaus, Charisma, 123–142, 238f. Charisma wird von Paulus als Korrek- tiv für die πνευματικά der korinthischen Enthusiasten und zugleich als Oberbegriff für die diversen in der Gemeinde vorhandenen Funktionen und Betätigungen gebraucht. „Von Anfang an enthielten die sich in den frühchristlichen Gemeinden entwickeln- den Funktionen auch amtliche Elemente wie Dauer, Autorität, Titel, Legitimierung, Sonderstellung und Vergütung … Eine Unterscheidung zwischen charismatischen und amtlichen Funktionen in den paulinischen Gemeinden ist historisch gesehen nicht möglich“ (237f.). Campbell, R. Alastair, The Elders, Seniority within Earliest Chris- tianity, Edinburgh 1994, 122 stellt fest: „We may conclude that from a very early sta- ge in its life, perhaps within a matter of weeks, there were those who could be called leaders in the church, whose position rested not on charisma in a Weberian sense, but on the service they performed and the status they enjoyed. Paul would later teach his churches to regard such people and their contribution as charismata, gifts of grace, but that is to use charisma in quite a different sense“.

43 Vgl. Campbell, Elders, 250f.

44 Vgl. Ellis, E. Earle, The Making of the New Testaments Documents, Brill, Leiden – Boston – Köln, 1999, 28f. Diese Dichotomie „has a complex background that … it is rooted partly in nineteenth-century philosophy … It was initiated by scholars who employed a sharply dialectical method and who apparently assumed that, since church

Charismatiker und Amtsträger würde nicht dem Selbstverständnis der frühen Kirche entsprechen.45 Schrage spricht lieber von „einer dialek-

tischen Spannung zwischen Charisma einerseits und Amt und Ord- nung andererseits“.46

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