ALLGEMEINES ZUM FINDELKIND

Im Dokument Auswertung von Taufmatrikeln in München und Passau in der Zeit von 1600 bis 1820 (Seite 109-200)

Auswertungsteil und Allgemeines zum Findelkind und zur Namengebung

I. ALLGEMEINES ZUM FINDELKIND

I. Allgemeines zum Findelkind

„Das traurige Phänomen der Kindesweglegung, des Aussetzens eines Neugeborenen, hat es schon immer gegeben. Davon waren ehelich geborene Kinder oft genauso betroffen wie außerehelich Geborene“1, schreibt Jolanda Anderle in ihrer Dokumentation über Fruchtbarkeit und Geburt in Tirol. Diese Praxis mag aus heutiger Sicht unverständlich erscheinen, doch ge- hörte sie in der Zeit von 1600 bis 1820 zum häufigen Bild in der jetzigen Landeshauptstadt München. Ein sog. expositio infantis an einem Kirchenportal, auf der Straße oder an einem Platz in München aufzufinden, war keine Seltenheit. Bei rechtzeitigem Entdecken hatte dann das Kind das Glück, von einer Person aufgefunden und zur Taufe in eine Kirche gebracht zu werden. Damit war es der Gefahr entronnen, einsam und allein gelassen zu sterben oder ge- sundheitlichen Folgeschäden aufgrund von Kälte und Hunger ein Leben lang ausgesetzt zu sein. Der Ablageort war somit insofern wichtig, als einerseits das Neugeborene geschützt sein sollte und andererseits eine Chance bestehen mußte, das Kind kurz nach der Aussetzung zu entdecken. Wilhelm Wächtersheimer unterschied deshalb zwischen einer „einfachen“ und ei- ner gefährlichen Form der Kindesaussetzung. Während bei einer expositio periculosa schlim- me Folgen zu erwarten waren, indem der Tod des Kindes billigend in Kauf genommen wurde, waren bei der „einfachen“ Form – sie war die „weit größere Zahl von Fällen“2 – die Überle- benschancen größer. Nichtsdestotrotz war es für ein Findelkind eine prekäre Situation, auf die einmal mehr oder weniger dem Zufall überlassene Hilfe von Dritten angewiesen zu sein.

1. Zum Begriff „Findelkind“

Spricht man von Findelkindern, dann muß die Frage geklärt werden, was denn ein Findelkind von einem Nicht-Findelkind unterscheidet. Will man sich nicht mit der Äußerung Walther Rathenaus (1867-1922) begnügen, der in seinem 1917 erschienenen Buch „Von kommenden Dingen“ schrieb,

„dass alles Gute und Grosse eigentlich ein Fund ist. Jeder Besitz. Entweder gefunden vom Zufall oder vom denkenden Geist. Der denkende Geist Deutschlands soll auf die Suche gehen; nach den Besten, Höchsten, Lebensnotwendigsten: er wird Kinder finden!“3,

1 Anderle, Gebähr- und Findelanstalt 123. 2 Wächtershäuser, Das Verbrechen 117. 3 Nassauer, Kindermord 32f.

dann bietet sich zur Beantwortung der Frage ein Blick in Nachschlagewerke an, wo versucht wurde, den Status eines Findelkindes zu definieren:

Lexikoneintragungen zum Lemma „Findelkinder“ Quelle* Erschei- nungs- jahr Textauszug Textlänge insgesamt in Zeilen 1 1734 Findel-Kind, ist, so von denen Eltern oder auf deren Verordnung, um ent-

weder dem Schimpff zu entgehen, oder der Nahrungs-Reichung überhoben zu seyn, von einem andern niedergelegt worden; und weil dergleichen Ex- positio sowohl mit ehrlich- als unehrlich gebohrnen Kindern kann vorge- nommen werden, so fragt es sich, wenn ein dergleichen Kind gefunden wird, ob es pro Spurio zuhalten sey? Neg. weil die Ursache, und warum die Niederlegung geschehen, dubia ist, dahero die Interpretatio in partem melio- rem geschehen und dem armen Elternlosen Kinde nicht noch mehr Plage

aufgeleget werden soll. [...] 153

2 1841 FINDELKIND, Findling,4 franz. enfant trouvé, engl. foundling, nennt man streng genommen die Kinder, welche von ihren Ältern verlassen, gefunden werden; aber man hat diesem Ausdrucke eine erweiterte Bedeutung gege- ben, indem man auch diejenigen Kinder damit bezeichnet, die von ihren Ältern einer Anstalt übergeben werden, deren Bestimmung es ist, ausge-

setzte Kinder aufzunehmen. [...] 024

3 1886 Findlinge, d. h. von den Eltern ausgesetzte Kinder [...] 185 4 1930 Findelkinder, Findlinge, Säuglinge, die von unbekannten Eltern ausgesetzt,

von andern aufgefunden werden und auf fremde Kosten erzogen werden

müssen. [...] 011

5 1938 Findelkind (Findling, Findel) ein Kind dessen Eltern unbekannt sind. [...] 010 6 1954 Findelkinder, Findlinge, Säuglinge, die von unbekannten Eltern ausgesetzt,

aufgefunden und auf fremde Kosten erzogen werden. [...] 016 7 1972 Findelkind, Findling: ausgesetztes Kind, dessen Abstammung nicht zu

ermitteln ist; [...] 010

8 1973 Findelkind: meist ein als Säugling ausgesetztes Kind, dessen Angehörige

unbekannt sind. [...] 015

9 1996 Findelkinder, Neugeborene, die von unbekannten Eltern ausgesetzt, aufge- funden und durch fremde Personen erzogen werden. [...] 007 * siehe Fußnote 5

4 Der Ausdruck „Findling“ wird „im heutigen Sprachgebrauch vorwiegend auf erratische Gesteinsblöcke angewandt, [er] wurde als ,Fundeling‘ auch in die hochdeutsche Sprachzeit übernommen und zwar vom 17. Jahrhundert an. [...] In den Belegen aus späterer Zeit ist jedoch auch der Umschlag des Vokals u in i festzustellen, so daß aus dem Fundling der Findling wird, [...]. In: Risse, Pueri expositi 168.

5 1 = Grosses vollständiges Universallexikon, Band 9. Johann Heinrich Zedler. Faksimiliedruck, Graz 1961, Spalten 937-939.

Chronologisch betrachtet erschließen sich aus den Einträgen zwei Erkenntnisse. Zum einen weisen sie in ihren Definitionsversuchen nur geringe Unterschiede auf. So ist beispielsweise von Säugling, Kind oder „meist“ Neugeborenem die Rede, das von Eltern ausgesetzt, einer Anstalt übergeben oder irgendwo aufgefunden und auf fremde Kosten erzogen und verpflegt wird, weil die Eltern unbekannt oder anonym bleiben wollen. Trotz dieser sprachlichen Variationen ist der Kern der Aussage gleich, nämlich, daß die Eltern oder die Mutter/der Vater, das Kind meist kurz nach der Geburt bewußt ausgesetzt oder abgegeben haben, und dieses nicht behalten wollen, nicht bekannt sind und auch die Absicht haben unerkannt zu bleiben.6 Während also die Einträge – zwar unterschiedlich formuliert – auf etwa den gleichen Definitionsumfang abstellen, geht eine gesetzliche Formulierung des Civil-Codex’ in einem Band des „Gesetzblatt für das Königreich Bayern“7 von 1840 weiter. Hier wird nicht nur da- von ausgegangen, Findlinge seien grundsätzlich ehelich Geborene – was im übrigen auch Volker Hunecke bestätigt8 –, sondern auch, daß uneheliche und durch Vergewaltigung ge- zeugte Kinder als Findlinge gelten.

„Ehelich Gebohrne, dafür werden in dubio die Findelkinder gehalten. c. 3. §. 2. n. 7. p. 129. not. des- gleichen die ex matrimonio putativo erzeugte n. 8. ib. ferners die aus einem gewaltsamen Beyschlaf her- rührende.“9

Nach heutigem Recht ist ein „Findelkind ein Kind, dessen Familienstand nicht zu ermitteln ist und daher einen Vormund benötigt (§ 1773 Abs. 2 BGB). [...] Der Vormund, in der Praxis meist das Jugendamt als Amtsvormund (§ 1791b BGB), hat das Recht, dem Kinde einen Namen zu geben und unter anderem die Pflicht, die Eltern zu ermitteln.“10

Zum anderen zeigen die Lexikoneintragungen, daß sich der Umfang und die Ausführlichkeit des Themenkomplexes „Findelkind“ im Zeitablauf reduziert. Das legt den Schluß nahe: das Thema verlor sukzessive an Bedeutung, da Findelkinder in ihrer Quantität kein gesellschaft- lich-soziales Problem mehr darstellten. Die Gründe liegen in den sich verändernden Rahmen- bedingungen, wie beispielsweise in der Abschaffung der Schandstrafen bei unehelichen Ge-

2 = Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, 4. Theil. Ersch, J. S.; Gruber, J. G. (Hrg.). Faksimiliedruck, Graz 1971, S. 244f.

3 = Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfs- wissenschaften Band 4. Freiburg im Breisgau 1886, Spalten 1494-1497.

4 = Der Große Brockhaus, Band 6. Leipzig 151930, S. 240. 5 = Meyers Lexikon, Band 1. Leipzig 81938, S. 154. 6 = Der Große Brockhaus, Band 4. Wiesbaden 41954. 7 = Meyers Neues Lexikon, Band 4. Leipzig 21972, S. 617.

8 = Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Band 8. Mannheim 1973, S. 805. 9 = Brockhaus, Die Enzyklopädie, Band 2. Leipzig, Mannheim 201996, S 312.

06 Kopp/Schink, Babyklappe – Die soziale Situation der Findelkinder 12.

07 http://bavarica.digitale-sammlungen.de, Stand 20.02.2015.

08 Hunecke, Findelkinder 21f.

09 http://bavarica.digitale-sammlungen.de, Stand 20.02.2015, S. 22. 10 http://de.wikipedia.org/wiki/Findelkind, Stand 20.02.2015.

burten, dem veränderten Heiratsrecht, der besseren wirtschaftlichen Versorgung und damit dem Rückgang der Armut, den besseren Abgabemöglichkeiten, den demographischen Verän- derungen durch eine längere Lebenserwartung11 und generell in der humaneren Einstellung gegenüber dem Kind an sich.12 Damit reduzierte sich die Notwendigkeit, Kinder auszusetzen, was sich wiederum auf die geringere Dringlichkeit, die Problematik lexikalisch aufzubereiten, auswirkte. Das heißt, ausgehend vom „Jahrhundert der Findelkinder“ (Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts)13, in dem im „Europa der Aufklärung [...] die Findelkinder zum Ge- sprächsthema des Tages“14 wurden, weil man Kinder in großer Anzahl aussetzte15, über das „Jahrhundert des Kindes“ (seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert)16, bis in die jüngere Ge- genwart, in der Kindesweggaben zur Ausnahme gehören17, hat sich die Situation, wie die fol- gende Grafik zeigt, signifikant verändert.

Die Evolution der Formen der Eltern-Kind-Beziehungen18

11 Langer, William 8.

12 DeMause, Hört ihr die Kinder weinen 18f., 45-55, 82-87, 393-407, 544-551. 13 Hunecke, Findelkinder 14-21.

14 Hunecke, Findelkinder 14.

15 „Namentlich Frankreich erlebte seit dem Ende des 17. Jahrhunderts einen viele Zeitgenossen erschreckenden Anstieg der Findelkinderzahlen, andere Länder wie Italien, Spanien, Rußland und Österreich folgten.“ In: Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 11.

16 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 11.

17 Siehe dazu die Aussetzungszahlen von Babys in Deutschland für die Jahre 1999 bis 2001. In: Kopp/Schink, Babyklappe – Die soziale Situation der Findelkinder 142-146.

2. Situation, Aussetzungsorte, Maskulinitätsindex19, Ausgangsdaten

Sich seines Kindes zu entledigen, entweder bereits im Mutterleib, nach der Geburt durch Tötung oder mittels anonymem Aussetzens war – wie bereits im Abschnitt 2.3 Die Möglich-

keiten der Kindesweggabe ausgeführt – in der Antike nicht strafbar.20 Um dieser Praxis Ein- halt zu gebieten suchte die Kirche einen Ausweg. Sie brachte an den Mauern der Kathedralen Marmorschalen an oder eröffnete Findelhäuser; und die unehelichen Mütter wurden aufgefor- dert, ihre Kinder dortin zu bringen und abzulegen.21

„Eines der Argumente zugunsten der Findelhäuser lautete, dass eine Frau mit einem außerehelich empfangenen Kind ihre Ehre bewahren könne; die Weggabe des Kindes konnte in Heimlichkeit und Anonymität erfolgen.“22

Damit war zumindest die Unsicherheit gebannt, daß die Kinder, irgendwo abgelegt, einer er- höhten Lebensgefahr durch Verhungern, Erfrieren, Mißbrauch oder sonstigen Bedrohungen ausgesetzt wurden, wie beispielsweise in Hildesheim 1778, wo ein Findelkind „,fast Tag & Nacht‘ auf dem großen Domhof, wo es ,leicht von den vorüber passirenden [sic] Wagen über- gefahren werden‘ konnte, bevor es endlich jemand aufnahm“23, im Freien lag.

Wurden die Kinder nicht in einer Institution abgelegt, – da diese beispielsweise lange Zeit, wie in Bayern, nicht existierte – dann hing das Ablegen selbst und die Häufigkeit der Ausset- zungen von den jeweiligen Umständen ab. Aus diesem Grund wurden Neugeborene vermehrt in Städten ausgesetzt, weil dort ihre Zahl und die ärmere soziale Schicht größer war, als auf dem Lande. Ferner, weil sich eine Stadt besser eignete, ein Kind des nachts oder am frühen Morgen anonym abzulegen24; und zudem auch in einer Stadt die Wahrscheinlichkeit größer war, das ausgesetzte Kind bald aufzufinden und versorgen zu können. Denn wurde

„ein Kind in einer einsamen Gegend niedergelegt, wurde sein Tod billigend in Kauf genommen; handelte es sich dagegen um einen belebten Ort, ist anzunehmen, daß das Überleben des Kindes beabsichtigt war.“25

19 Der Maskulinitätsindex wird errechnet als: (Männer/Frauen)×100. In: Bulletin der Schweizerischen Gesell- schaft für Anthropologie 15(1–2): 5–17 (2009) http://www.academia. edu/1202793/Der_ Maskulini- tatsidex_und_statistische_Verfahren_zur_Prufung_auf_Unterschiede_in_den_Geschlechter- anteilen_fruhmittelalterlicher_Populationen_Masculinity_index_and_the_statistical_improve-

ment_of_a_balanced_or_unbalanced_secondary_sex_ratio_in_early_medieval_Europe_, Stand 20.02.2015. 20 Siehe dazu ausführlich Hügel, Findelhäuser 7-56.

21 Dirx, Das Kind, das unbekannte Wesen 239. 22 Cunningham, Die Geschichte des Kindes 140f.

23 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 190.

24 „Fragt man nach der Zeit, wann diese Kindlein niedergelegt wurden, so läßt sich allgemein sagen, daß sie in den Frühstunden d. i. vor 5 Uhr vor den geistlichen Häusern, vor Kirchen und Klöstern, in den Abendstun- den aber d. i. 8-9 Uhr meist vor Gasthäusern, insbesondere vor den Thüren der Weingastgeber lagen.“ In: Huhn, Geschichte des Spitals 241.

In der Stadt bestand also zumindest die Chance für das ausgesetzte Kind, von Mitleid empfin- denden Menschen gefunden zu werden und damit zu überleben. Auch wenn zwischen Geburt und Aussetzung ein längerer Zeitraum lag – in München gab es Fälle, wo die Mutter lange versuchte ihr Kind selbst aufzuziehen, dann aber aus Gründen äußerster Armut doch wegge- ben mußte – bot die Stadt bessere Überlebensbedingungen. Dazu ein Beispiel aus München, datiert 8. Februar 1762:

„Dieses Kind heißt mit Tauf- und Zuname Maria Mayrin, ist 16 Wochen alt; hab dero Zeit alles das mei- nige, was ich mir in Diensten ersparet habe, alles daran verwendet, daß ich mir jetzt nimmer zu helfen weiß; so bitte ich denn um Gotteswillen, dieses Kind christlich zu erziehen, wenn es nicht der liebe Gott zu sich nimmt, worum ich alle Tage fleißig bitte, und werde auch Zeit meines Lebens für diese Gutthätig- keit bei Gott mit meinem Gebet eingedenk sein, und sollte ich noch zu meinem vorhabenden Glück kommen, so bin ich ernstlich gesinnt, das alles zu ersetzen und zurück zu zahlen“.26

Beliebte Aussetzungsorte waren in München, wie auch anderswo, Plätze innerhalb der Stadt- mauern, Privathäuser wohlhabender oder bekannter Personen, Gasthäuser, Friedhöfe sowie kirchliche Einrichtungen; denn es „herrschte die Vorstellung, ,die Pfaffen könnten [ein Kind] wohl ernähren‘“27, weshalb man es „heimlich in das münster, in andere Kirchen oder andere heimliche stette“28 aussetzte.

Bei allen Arten der Entledigung fällt auf: Mädchen waren davon stärker betroffen als Buben,29 denn so schrieb schon Poseidippos: „Einen Sohn ernährt jeder, so arm er ist; eine Tochter setzt er aus , so reich er ist.“30 Richilde und Paul Werner weisen dabei auf die Tat- sache hin, daß „karolingische Güterbeschriebe auffallend mehr Männer als Frauen aufzäh- len“.31

„Die Söhne wurden als Stammhalter freudiger begrüßt als [Mädchen]; auf ihnen beruhte die Hoffnung der Eltern in ihren alten Tagen. Das Schicksal eines neugebornen Mädchens ward oft schon dadurch besie- gelt, daß bereits mehrere Schwestern vorher gekommen waren. Und diesen Gebrauch vermochte auch das Christentum nicht ganz außer Übung zu bringen.“32

Normalerweise ergibt die Anzahl der neugeborenen Mädchen und Buben einen relativ glei- chen Maskulinitätsindex der um den Wert von 105 oszilliert33. Im 15. Jahrhundert stieg dieser Wert z.B. in der Stadt Florenz auf 114,60, während er auf dem Lande sogar den Wert von

26 Huhn, Geschichte des Spitals 240.

27 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 149. 28 Arnold, Kind und Gesellschaft 47.

29 Graf von Pfeil, Das Kind als Objekt 10. 30 Zitiert in: Peiper, Kinderheilkunde 145.

31 „Hört ihr die Kinder weinen?“ In: Unser Bayern. Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung. Jahrgang 45 / Nr. 3, 1996, 9.

32 Boesch, Kinderleben 13.

124,56 erreichte34. Diese Zahlen zeigen deutlich – und sie lassen sich im Kern auf andere Ter- ritorien übertragen – um wieviel stärker Mädchen gegenüber Buben von Aussetzungen mit Todesfolge und direkter Tötung betroffen waren. Wenngleich Mädchen überproportional we- gegeben wurden, weil Knaben sich bereits bei ihrer Geburt eines höheren Ansehens erfreu- ten35, wirkte sich – wie die Matrikelauswertungen für München zeigen werden – die jeweilige Notsituation auf beide Geschlechter aus.36

Genaues Zahlenmaterial über die Anzahl der Kindesaussetzungen, der regionalen Verteilung, und was die Zahl der Aufnahmen in den entsprechenden Einrichtungen betrifft, wie auch über die, an beliebigen Orten Ausgesetzten, liegt für größere Gebiete nicht vor.37 Auch was die Anzahl der Aussetzungen in bezug auf die Jahreszeit (Sommer, Winter), die saisonalen Schwankungen (Erntezeit) oder Kriegszeiten betrifft, stehen keine zuverlässigen Zahlen zur Verfügung.38

3. Die aussetzenden Kindseltern

Was sich nach der Antike in bezug auf das Schicksal der Kinder in der Welt abspielte, ent- springt nicht nur einer zweckmäßigen Praxis, sondern hat auch mythologisch-religiöse Bezü- ge39, wie das beispielsweise in dem biblischen Bericht von der Geburt Mose oder bei Romu- lus und Remus40 der Fall war. Waren die mythischen „Ahnen“ der Ausgesetzten Götter, Könige oder Helden, so stand es um die weltlichen Eltern und deren abgelegte Kinder hin- sichtlich ihrer Reputation schlechter. Sie begleitete kein Gründungsmythos, sondern ihr Um- feld bestimmte häufig die materielle Not. Es kann davon ausgegangen werden – selbst wenn

34 Arnold, Kind und Gesellschaft 47.

35 Dirx, Das Kind, das unbekannte Wesen 29; Peiper, Kinderheilkunde 145. Noch heute werden in Indien häu- fig Mädchen getötet, wenn sie nicht bereits gezielt abgetrieben wurden, um bei einer späteren Verheiratung die hohe Mitgift zu sparen. In: Bayerischer Rundfunk BR2, Sendung am 30.06.2010, 09:30 Uhr „Die Mut- terliebe in der Geschichte und in anderen Kulturen“.

36 Wenn es sich allerdings um Kindesmord handelte, waren Mädchen deutlich stärker davon betroffen. In ganz Europa kam es zwischen 1450 und 1750 zu einem „universalen männlichen Geburtenüberschuß [...] der die leichte, biologisch bedingte Überzahl an männlichen Geburten beträchtlich übersteigt.“ In: DeMause, Hört ihr die Kinder weinen 398.

37 Schubart-Fikentscher, Die Unehelichen-Frage in der Frühzeit der Aufklärung 31; Mitterauer, Ledige Mütter 17; Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 142.

38 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 151. 39 Siehe dazu Der Neue Pauly 336-337.

40 In der römischen Mythologie wird den Findelkindern Romulus und Remus die Gründung der Stadt Rom im Jahre 753 v. Chr. zugeschrieben. In: http://de.wikipedia.org/wiki/Findelkind, Stand 20.02.2015.

die ablegende Person in der Regel unbekannt blieb –, daß es sich grosso modo dabei um einen finanziell ärmeren Personenkreis handelte oder ganz individuelle Gründe (Hunger, Pest, Sol- datenkind, Arrest, Vertriebenenstatus41, Landsknecht, Vagantin42) vorlagen. Das heißt, die Eltern oder Mütter waren meist „Hungersnot, Unterernährung, Krankheit und Tod ausge- setzt“43 oder befanden sich in einer sonstigen ausweglosen Lage44, die zu der Überzeugung führte, daß der schier unlösbare Knoten ihrer schlimmen Situation nur durch die Aussetzung gelöst werden kann. Markus Meumann konnte in seinen Untersuchungen im Bereich Hanno- ver für das Jahr 1755 ermitteln, daß die meist ledigen Mütter, die ihr Kind selbst aussetzten, wirtschaftlich nicht abgesicherte Frauen waren, die häufig als jederzeit kündbare Dienstmägde arbeiteten; oder es „handelte sich um Töchter [...] eines Tagelöhners, Soldaten, Invaliden [oder] verschuldeter ,Ackerleute‘“.45 Nach Sichtung der Kriminalstatistik des Jahres 1894 aus Bayern kommen auch Richilde und Paul Werner zu der Erkenntnis, die damals angeklagten Frauen lebten vorwiegend als „Dienstboten auf dem Lande, [...] unter elenden und erbärm- lichsten Bedingungen“.46 Hinsichtlich ihrer sozialen Lage war die Situation bei den Kindsvä- tern ähnlich. Sie arbeiteten als Knechte, Gesellen, Diener – zum Teil im selben Haus wie die Dienstmägde – oder waren im Militärdienst.47

Nur selten konnte die Vorgeschichte der abgebenden Personen eruiert werden, obwohl „sich die Obrigkeiten unverzüglich um die Ergreifung der Täterin oder des Täters“48 bemühten, sobald ein Findelkind entdeckt wurde. Das war der Fall, wenn jemand beim Aussetzen des Kindes polizeilich erfaßt wurde und ein Gerichtsverfahren stattfand; oder wenn zufällig ein Dritter Zeuge der Umstände des Ablegevorganges wurde. Eine solche Situation ergab sich 1803 in Hildesheim, wo „wegen eines Findelkindes Nachforschungen angestellt und die städ- tischen Hebammen vernommen wurden, [und] sich die Befragten beiläufig an eine Frau [er- innerten], die möglicherweise im Begriff gewesen war, ihr Kind auszusetzen.“49 Daß „des Kindes Beine nur in einen kleinen Leinen Klatern50 gewunden, übrigens unbedeckt gewesen“ waren, läßt auf ärmliche Verhältnisse schließen.

Eine Information über die Vorgeschichte des Kindes oder der ablegenden Person konnte auch ein beigelegter Zettel liefern – meist war darauf die wichtigste Nachricht, ob das Kind schon

41 Stahleder, Chronik der Stadt München 1506-1705, S. 55, 66, 100.

42 „Hatte die vagierende Frau Kinder und hatte sie diese bei sich, dann bekam die Frage nach der Legitimität des Nachwuchses zusätzliche strafrechtliche Relevanz.“ In: Küther, Menschen auf der Straße 28f. 43 DeMause, Hört ihr die Kinder weinen 173.

44 Risse, Pueri expositi 163.

45 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 153.

46 „Hört ihr die Kinder weinen?“ In: Unser Bayern. Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung. Jahrgang 45 / Nr. 3, 1996, 10.

47 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 153. 48 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 160. 49 Meumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord 146f.

getauft ist – aus dem ein Hinweis auf den Grund der Weggabe vermerkt war, wie das bei ei- nem Mann im Jahre 1670 der Fall war, der sich in Harmsen (Amt Steuerwald) vorübergehend aufhielt, und der bei seiner Abreise ein Kind mit einem Zettel, im Garten eines Einwohners zurückließ, aus dem das Motiv der Abgabe hervorging:

„Ich habe zu bitten umb Gottes willen, welcher ehrlicher Mann daß kindt auffnimmt für ein kindt, Sie

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