Absolute Abwesenheit – „Abracadabra“

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der Supplementarität, der Spur etc. den metaphysischen Zeichenbegriff dekonstruiert hatte, beginnt er in seiner Austin-Lektüre damit, den Kommunikationsbegriff zu problematisieren. So hatte sich, am deut- lichsten in der Logik der Supplementarität, gezeigt, dass jedes Zeichen erst nachträglich als Träger einer abwesenden Bedeutung gelesen wer- den kann, die es als Zeichen zugleich allererst ermöglicht. Und nach ebendieser Logik, die sich am konzentriertesten in Derridas Text Die Stimme und das Phänomen ausgestaltet findet, befragt Derrida gleich zu Beginn seiner Austin-Lektüre auch den Kommunikationsbegriff:

Ist es denn sicher, daß dem Wort Kommunikation [communication] ein

einzelner, eindeutiger, streng beherrschbarer und übermittelbarer: kom- munizierbarer Begriff entspricht? Einer seltsamen Diskursfigur [figure de discours] zufolge muß man sich doch zunächst fragen, ob das Wort oder

der Signifikant „communication“ einen bestimmten Inhalt, einen identi-

fizierbaren Sinn, einen beschreibbaren Wert mitteilt [communique]. Aber

schon um diese Frage zu artikulieren und vorzubringen, war es nötig, auf den Sinn des Wortes Kommunikation vorzugreifen: Ich mußte im voraus

die Kommunikation als das Vehikel, den Transport oder den Durchgangs- ort eines Sinns oder eines einzigen Sinns bestimmen.305

Die Frage „Was ist Kommunikation?“ erübrigt sich zwar dadurch genauso wenig wie die in den vergangenen Abschnitten zitierten Fra- gen „Was ist ein Zeichen?“ oder „Was ist die Einbildungskraft?“ Doch erreichen alle diese Fragen in dem Moment eine Grenze, in dem noch der Sinn und das Funktionieren dieser Fragen dadurch unterlaufen werden, dass man, um es einmal mehr in der Sprache der Phänome- nologie zu formulieren, den für jenen Sinn und jenes Funktionieren konstitutiven Wert eben derjenigen Begriffe voraussetzt, nach denen in unproblematisiert ontologischer Ausrichtung gefragt wird.

Um das Wort Kommunikation nicht streng definieren zu müssen, kon- frontiert Derrida dessen Bedeutungsfülle306 mit einem Differenzbe-

griff, der „das Feld der Mehrdeutigkeiten“, auf dem sich der Terminus der Kommunikation bewegt, deutlich eingrenzt: der Begriff des Kon- textes. Da Derrida aber diesen für ebenfalls nicht restlos bestimmbar hält, oder genauer, da er der Ansicht ist, dessen Bestimmbarkeit sei „niemals gesichert oder gesättigt“307, bleibt der Kommunikationsbe-

griff mehrdeutig. So ist es, auch unabhängig von Derridas spezifischem Interesse an Schrift, nur konsequent, dass er sich auf ein bestimmtes Kommunikationsmodell festlegt, um auf dem ‚Feld der Mehrdeutig- keiten‘ zu intervenieren, das den Begriff der Kommunikation prob- lematisch werden lässt. Im Folgenden dekonstruiert Derrida mittels der Problematik der Schrift das semio-linguistische Übertragungsmo- dell der Kommunikation. Ihm gibt Derrida dadurch eine phänome- nologische Deutung, dass er unterstellt, es ginge in der Übertragung um einen Transport von Bewusstseinsinhalten und von intentionalen Gegenständen.

In einer inzwischen geläufigen Bewegung wendet sich Derrida zunächst an ein Denken, in dem der Wert der Schrift allein darin gesehen wird, dass in ihr mündliche Äußerungen aufgezeichnet und zukünftig als ebensolche wieder verfügbar würden. Für ein diesem Schriftbegriff ver- pflichtetes Kommunikationsmodell heißt das anzunehmen, dass die Funktion der Schrift im Grunde nur darin bestünde, die durch Raum und Zeit gegebenen empirischen Grenzen der mündlichen Wechsel- rede unendlich zu erweitern. Kommunikation bestünde demnach in der Übermittlung von Sinn, der durch die Gedächtnis stiftende Kraft der Schrift gleichermaßen die Entfernungen wie die Zeiten zu überdau- ern in der Lage wäre. Derrida dagegen stellt die Frage, ob nicht Schrift, im Gegenteil, die Kommunikation integriere, zumindest dann, wenn man letztere im Sinne des genannten Übertragungsmodells versteht.

306 Siehe dazu Derrida: „Signatur“, S. 16f. 307 Derrida: „Signatur“, S. 17.

[Der Schriftbegriff ] wäre von nun an nicht mehr in der Kategorie der Kommunikation mit einbegriffen, zumindest wenn man sie im einge- schränkten Sinn als Sinnübermittlung versteht. Umgekehrt werden im allgemeinen Feld der so definierten Schrift die Wirkungen der semanti- schen Kommunikation als besondere, sekundäre, eingeschriebene, sup- plementäre Wirkungen bestimmt werden können.308

In einer Rekonstruktion von Condillacs Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnisse verweist Derrida auf den seines Erachtens für die westliche Philosophie insgesamt paradigmatischen Versuch, die Schrift als Medium der Repräsentation von Gedächtnisinhalten auszu- weisen, deren Auftreten gegenüber der mündlich geäußerten Rede kei- nerlei systematische Komplikationen hinsichtlich der in ihr repräsen- tierten Gegenstände, Bedeutungen etc. verursacht. Condillacs Versuch wertet die Schrift damit gegenüber der mündlichen Äußerung nicht nur philosophisch ab. Er gliedert erstere der Kategorie der Kommu- nikation ein, „gewissermaßen unkritisch“309, wie Derrida behauptet.

Mit drei Voraussetzungen, die er bei Condillac ausmacht, begründet er dies: Erstens schreiben die Menschen aus dem Grund, dass sie etwas zu kommunizieren haben, zweitens seien, was die Menschen mitzuteilen haben, ihre Vorstellungen, die mittels Schrift ebenso transportiert wer- den wie im gesprochenen Wort, und drittens wird das Phänomen bzw. die Technik der Kommunikation nach Derrida bei Condillac insofern nicht hinterfragt, als die Menschen bereits kommunizieren können, sobald sie dann das Medium der Schrift erfinden, um die Kommuni- kation flexibler zu gestalten.

Zur entscheidenden Wende bei der Beschreibung dieses Problems wird für Derrida die Thematik der Abwesenheit, wie sie bei Condillac bereits vorgezeichnet ist: Er versteht die Schrift als gewissermaßen nur graduelle Abwandlung mündlicher Äußerungen, die in ihrem kom- munikativen Wert durch die Schrift nicht infrage gestellt werden; die Abwesenheit ist demnach die Absenz des Empfängers der schriftlichen

308 Derrida: „Signatur“, S. 17f. 309 Derrida: „Signatur“, S. 19.

Mitteilung. Demgegenüber wendet Derrida zweierlei ein: Erstens gibt er zu bedenken, dass jedes Zeichen von einer bestimmbaren Form der Abwesenheit geprägt wird und dementsprechend auch die geschriebe- nen Zeichen. Zweitens erprobt er, ob und inwieweit sich davon ausge- hend nicht das geschriebene Zeichen vom Zeichen überhaupt ableiten lasse, sondern umgekehrt letzteres von ersterem:

[S]ollte sich nun zufällig herausstellen, daß das Prädikat, das somit als charakteristisch für die der Schrift eigene Abwesenheit anerkannt wird, auf jede Art von Zeichen [signe] und Kommunikation zutrifft, würde

sich daraus eine allgemeine Verschiebung ergeben: Die Schrift wäre nicht mehr eine Art der Kommunikation und alle Begriffe, unter deren Allge- meinheit die Schrift subsumiert wurde (der Begriff selbst als Sinn, Idee oder Erfassen des Sinns und der Idee, der Begriff der Kommunikation, des Zeichens [signe] und so weiter), würden sich als unkritisch erweisen,

als schlecht gebildet oder vielmehr dazu bestimmt, die Autorität und die Stärke eines gewissen historischen Diskurses zu sichern.310

Um diese zuletzt zitierte Behauptung zu untermauern, spezifiziert Der- rida den Begriff der Abwesenheit und widerspricht dazu zunächst einer Vorstellung, nach der die Abwesenheit des Empfängers einer geschrie- benen Mitteilung allein in einer modifizierten Form der Anwesenheit bestehe, einer idealisierten, wenn auch entfernten, Präsenz. Sofern die Schrift existiere, müsse man, so Derrida, von einer absoluten Abwe- senheit des Empfängers ausgehen können, damit sich die Struktur der Schrift „konstituiert“311.

An diesem Punkt kann die différance als Schrift keine (ontologische)

Modifikation der Anwesenheit mehr (sein), meine „schriftliche Kommu- nikation“ muß, wenn Sie so wollen, lesbar bleiben, trotz des völligen Ver- schwindens jedes Empfängers, der im allgemeinen bestimmt wird, damit sie ihre Funktion als Schrift, das heißt ihre Lesbarkeit erfüllt. Sie muß wiederholbar – iterierbar – sein in absoluter Abwesenheit des Empfän-

310 Derrida: „Signatur“, S. 23f., Hervorhebungen im Original, M. P. 311 Derrida: „Signatur“, S. 24.

gers oder der Gesamtheit der empirisch bestimmbaren Empfänger. Diese Iterabilität (iter, nochmals, kommt von itara, anders im Sanskrit, und alles

Folgende kann als Ausbeutung dieser Logik gelesen werden, die die Wie- derholung mit der Andersheit verknüpft) strukturiert das Zeichen [mar- que] der Schrift selbst, übrigens ganz gleich, um welchen Schrifttypus es

sich auch handeln mag (den piktographischen, hieroglyphischen, ideogra- phischen, phonetischen oder alphabetischen, um sich dieser alten Kate- gorien zu bedienen). Eine Schrift, die nicht über den Tod des Empfängers hinaus strukturell lesbar – iterierbar – wäre, wäre keine Schrift.312

Alles dies gilt deswegen auch für den Grenzfall, dass eine Schrift allein für die Verwendung zweier Kommunikationsteilnehmer erfunden worden wäre, die beide verstürben, ohne dass sie den zur Entzifferung dieser Schrift notwendigen Code hinterlassen hätten. Denn, so Der- rida, es gibt deshalb keinen Code, der „strukturell geheim“313 wäre, weil

auch für den Code gilt, dass er prinzipiell wiederholbar zu sein hätte, um als Code wirksam zu werden, sei es auch, dass er unbekannt, rät- selhaft oder auf welche Art auch sonst momentan unentzifferbar wäre. Die Struktur der Abwesenheit, die Derrida, ausgehend vom Modell Condillacs, bislang nur für den Empfänger einer Schrift erläutert hat, gilt, wie er nun zeigt, auch für den Absender des Geschriebenen. Der Tod dieser beiden Instanzen wird damit zur transzendentalen Bedin- gung der Funktionalität von Schrift. Wie Derrida ausführlich bereits in Die Stimme und das Phänomen dargelegt hat, gilt für die idealisie- renden Akte der transzendentalen Subjektivität, dass sie bis ins Unend- liche wiederholbar sein müssen, um in ihren identifizierbaren Intenti- onen rekonstituierbar zu sein. Die Struktur dieser Wiederholbarkeit hatte Derrida ausdrücklich an eine Form von Schrift gebunden, die die Autorität der lebendigen Stimme des Bewusstseins untergrub. Als sprechendes Beispiel hatte ihm, gleich schon als Zitat noch vor Beginn seiner Husserl-Lektüre, die aus Edgar Allan Poes Faszination des Grau- ens entnommene Passage gedient, in der eine Stimme im fiktionalen 312 Derrida: „Signatur“, S. 24, Hervorhebungen im Original, M. P.

Rahmen sagt: „Ja; – nein, – ich habe geschlafen – und jetzt – bin ich tot.“ Die Phantasievorstellung des eigenen Gestorben-Seins als Grund- voraussetzung Bedeutung konstituierender Akte der – lebendigen – transzendentalen Subjektivität taucht also nicht ganz zufällig auch in Derridas Austin-Lektüre wieder auf. Eine Spur radikaler noch als in Die Stimme und das Phänomen löst er in Signatur Ereignis Kontext das Funktionieren von Schrift als Voraussetzung der genannten Akte der transzendentalen Subjektivität von jeder empirisch vorstellbaren Instanz, sei sie der Sender oder Empfänger der verschriftlichten Äuße- rung. Denn während Derrida in der Husserl-Lektüre den Bezug zur lebendigen Subjektivität immer noch wahrte, klammert er ihn jetzt dadurch ein, dass er noch den Grenzfall einbezieht, wonach sämtliche empirischen Sender und Empfänger der brieflichen Botschaft für das Funktionieren dieses Geschriebenen letztlich nicht notwendig seien. Und dennoch: Auch und gerade dann, wenn man Derrida in die- ser radikalen Einklammerung aller empirisch denkbaren Subjekte zustimmt, die für die grundsätzliche Lesbarkeit von Schrift eben nicht notwendig seien, so lässt sich doch, gerade an dieser kontra- intuitiven Grenze der Funktionalität von Schrift, nicht leugnen, dass umgekehrt die Möglichkeit einer tatsächlichen Lektüre dessen, was man schreibt, absolut nicht ausgeschlossen ist, sonst verlöre letztlich der Grenzfall, den Derrida herausstellt, als Grenzfall jeden Sinn. Mag ich mich also auch als bereits gestorben phantasieren und ebenso jeden mir denkbaren Empfänger dieser Botschaft, so muss eben trotz- dem die Annahme erlaubt sein, dass, noch bei absoluter Abwesen- heit aller empirisch denkbaren Empfänger dieser Mitteilung, die Mitteilung als Mitteilung lesbar bleiben kann. Mag es am Ende von Abschnitt 2.2 noch naiv erschienen sein, dass ich danach gefragt habe, ob ich mir nicht zumindest vorstellen können muss, dass ein Lesender das dort und hier Geschriebene kundnähme. Auch wenn Derrida sich dagegen verwahrt, dass es sich bei der Abwesenheit, um die es bei der Lesbarkeit von Schrift geht, nur um eine modifi- zierte Form der Anwesenheit handle: Noch indem ich mich selbst dieser Verwahrung anschließe, mache ich geltend, dass Derridas The- orem der absoluten Abwesenheit zwar die bloße Vorstellung eines

nur aktuell Abwesenden verbietet, nicht aber den Hinweis auf die schlechterdings nicht auszuschließende Lesbarkeit der Schrift auch und gerade angesichts der immer möglichen absoluten Abwesenheit aller denkbaren empirischen Adressaten, an die jene Schrift gerichtet gewesen sein mag oder auch nicht.

Man mag nun einwenden, dass Derrida ja im Grunde genau dies selbst behauptet. Doch liegt sein Fokus auf der von jeder empirischen Subjektivität befreiten Funktionalität von Schrift. Diese aber kann gleichwohl der Möglichkeit und dem Grenzfall nach nur dann von den empirisch an ihr irgend beteiligten Instanzen gelöst werden, wenn man diese Instanzen bereits als notwendig für das Funktionieren von Schrift voraussetzt – und sei es als notwendig in dem Sinne, dass erst die denkbare Abwesenheit aller Sender und Empfänger der schriftli- chen Botschaft schlechthin zur Möglichkeitsbedingung der Funkti- onalität dieser Botschaft gerät. Somit aber bleibt in Differenz dazu die nachdrückliche Behauptung der Möglichkeit ebenfalls unbedingt legitim, dass es, gerade vor dem Hintergrund der dargelegten irredu- ziblen Abwesenheit, gleichermaßen absolut nicht auszuschließen ist, dass eine Schrift, die funktioniert, wie eben beschrieben, lesbar werden und lesbar geworden sein wird.

Vor diesem Hintergrund sind Derridas in Signatur Ereignis Kontext dargelegte Äußerungen zu Edmund Husserls Logischen Untersuchun- gen zu verstehen, mit denen er sich bereits in Die Stimme und das Phä- nomen eingehend auseinandergesetzt hatte. Diese Äußerungen betref- fen eine weitere Form der Abwesenheit, die ebenfalls bereits in der Husserl-Lektüre thematisch war: die Absenz des Referenten sowie des Signifikats. Derrida erreicht dieses Thema in Signatur Ereignis Kontext erneut, nachdem er den Begriff der Iterabilität314 entwickelt hat, der die

wiederholbare Idealität des Zeichens ermöglicht. Erst dadurch näm- lich, dass das Zeichen, der Möglichkeit nach, in potenziell jeden neuen

314 Siehe dazu Ludwig Jäger: „Strukturelle Parasitierung. Anmerkungen zur Autoreflexi- vität und Iterabilität der sprachlichen Zeichenverwendung, in: Roger Lüdeke, Inka Mülder-Bach (Hgg.): Wiederholen. Literarische Funktionen und Verfahren. Göttingen: Wallstein 2006, S. 9–40, hier insbes. S. 12ff.

Kontext integriert werden kann, und zwar völlig unabhängig davon, ob es ihm jemals ursprünglich zugedacht war, durch diese Iterabilität also, durch diese mit jeder Wiederholung veränderten Einschreibung des Zeichens in welche bedeutsamen Zeichenketten auch immer, kon- stituiert sich das Zeichen in Differenz zu allen anderen Zeichen, die durch diese Differenz die identifizierbare, intentional organisierte Ide- alität des Zeichens erst ermöglichen und hervorbringen315.

Die Iterabilität ist damit zugleich die Wiederholbarkeit der Zeichen unter Implikation sämtlicher der oben genannten Abwesenheiten: des Senders einer Botschaft, ihres Empfängers, damit der Bedeutungsin- tention sowie des Gegenstandes der Rede, inwieweit die beiden letz- teren auch jemals absolut präsent sein könnten.

Diese strukturelle Möglichkeit, des Referenten oder des Signifikats (und somit der Kommunikation und ihres Kontextes) beraubt zu werden, macht, wie mir scheint, [so Derrida,] jedes Zeichen [marque], auch ein

mündliches, ganz allgemein zu einem Graphem, das heißt, wie wir gese- hen haben, zur nicht-anwesenden restance eines differentiellen Zeichens

[marque différentielle], das von seiner vorgeblichen „Produktion“ oder

seinem Ursprung abgeschnitten ist.316

Auch diesem Zitat lässt sich im Rückbezug auf Die Stimme und das Phänomen eine größere Tiefenschärfe geben, und zwar insbesondere im Anschluss an Derridas Erörterung von Husserls Begriff der Wahr- nehmungsaussage, wie sie im Lichte der différance erscheint. Einerseits hatte Derrida noch für die Zeitstruktur der unmittelbaren Wahrneh- mung bei Husserl dahingehend eine iterative Struktur ausgemacht, dass er die Wahrnehmung, gegen Husserls ausdrückliche Intention, der Logik der retentionalen Spur unterordnete. Ausgehend von der Unmöglichkeit der Erfahrung einer ungeteilten Präsenz hatte Derrida,

315 Dass diese Wiederholbarkeit die Form der Kontroverse annehmen kann, zeigt die Aus- einandersetzung zwischen John Searle und Jacques Derrida, siehe dazu Dirk Werle: „Die Kontroverse zwischen John Searle und Jacques Derrida über eine adäquate The- orie der Sprache“, in: Klausnitzer, Spoerhase: Kontroversen, S. 327–340.

anders als Husserl, damit auch bereits die Möglichkeit eines rein gegen- wärtigen Wahrnehmungsereignisses bestritten.

Ohne den Abgrund zu verkleinern, der in der Tat die Retention von der Re-präsentation trennen kann, und ohne sich zu verhehlen, daß das Pro- blem ihrer Bezüge kein anderes als das der Geschichte des „Lebens“ und des Bewußtwerdens des Lebens ist, muß man a priori behaupten können, daß ihre gemeinsame Wurzel, die Möglichkeit der Wieder-holung in ihrer allgemeinsten Form, die Spur im universalsten Sinne, eine Möglichkeit ist, die nicht nur der reinen Aktualität des Jetzt innewohnen, sondern sie durch die Bewegung der différance selbst konstituieren muß, die sie

darin einführt.317

Andererseits und damit verknüpft hatte Derrida für die Wahrneh- mungsaussage nachdrücklich geltend gemacht, dass diese auch und gerade in Abwesenheit des Inhalts dieser Aussage funktionieren kön- nen muss. Der Gegenstand der Wahrnehmung sei, sofern er sich in einer Aussage, und sei sie auch vom Angeschauten erfüllt, zeigt, bereits ideal. Und für jegliche Form von Idealität gilt, dass sie poten- ziell unendlich als genau diese Idealität wiederholbar sein muss, um als Idealität wirken zu können.

Zwar hat Derrida dies erst in Signatur Ereignis Kontext in den damit einhergehenden kommunikationstheoretischen Implikationen entfal- tet. Bereits in Die Stimme und das Phänomen aber hat er die Situation der Wahrnehmungsaussage mit der Logik der Schrift in Verbindung gebracht:

Derjenige, welcher, neben mir oder in einem unendlichen Abstand in Zeit und Raum, diesen Satz hört (entend), muß de jure verstehen, was ich

zu sagen beabsichtige (entends). Wenn diese Möglichkeit die Möglich-

keit der Rede ist, dann muß sie eben auch den Akt desjenigen strukturie- ren, der, während er wahrnimmt, spricht. Meine Nicht-Wahrnehmung, meine Nicht-Anschauung, meine Abwesenheit hic et nunc werden genau

dadurch gesagt, daß ich sage, durch das, was ich sage, und weil ich sage.

[…] Die Abwesenheit der Anschauung – und damit auch des Subjekts der Anschauung – wird durch die Rede nicht nur geduldet, sondern von der

Struktur der Bedeutung im allgemeinen gefordert, sofern man sie in sich selbst betrachtet. Sie wird radikal gefordert: Die vollständige Abwesen-

heit des Subjekts und des Objekts einer Aussage – der Tod des Schreibers oder / und das Verschwinden der Gegenstände, die er hat beschreiben können – hindert einen Text nicht daran zu „bedeuten“. Diese Möglich- keit läßt im Gegenteil das Bedeuten als solches entstehen, gibt es zu ver- stehen und zu lesen.318

Der bedeutende Text, auf den hier verwiesen wird, taucht in Signa- tur Ereignis Kontext nun als Briefbotschaft wieder auf, anhand derer Derrida die Szenerie der Abwesenheiten erläutert, wie sie sich aus den oben bereits dargelegten und in der vorhin zitierten Passage bereits aufscheinenden Absenzen ergibt. Der Brief wird somit zunächst zum Gegenstand der Wahrnehmung selbst, anhand dessen daraufhin die Funktionalität von Schrift als Voraussetzung für das Funktionieren einer Wahrnehmungsaussage deutlich wird, ist doch die Abwesenheit des Referenten – nur bedingt allerdings hier des Briefs! – Vorausset- zung noch für jene Form der Aussage, in der der Gegenstand des Ange- schauten präsent wäre, während über ihn gesprochen wird.

Doch mehr noch hatte Derrida in Die Stimme und das Phänomen der Stimme, die sich im Sprechen selbst vernimmt, einer Logik der Schrift unterstellt, innerhalb derer die Stimme erst zu sich kommt. Die Stimme sei laut Husserl dasjenige ideale Medium, in dem die Subjekti- vität kommunikativ zugleich nach außen tritt sowie in absoluter Nähe bei sich bleibt. Diese Nähe allerdings wird „durchbrochen, sobald ich mich, anstatt mich sprechen zu hören, schreiben oder durch Gesten bedeuten (signifier) sehe“319, und genau die so durchbrochene Nähe

wird für Derrida zum Anlass, anzunehmen, dass erst diese die Vor-

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