Die Datenerhebung begann (nach einem Pretest im Sommer 2015) Anfang des Jahres 2016 im Rhein-Neckar-Raum (Baden-Württemberg, Deutschland). Ab Mitte des Jahres 2016 fand die Erhebung in der Kommune Trondheim (Norwegen) in Kooperation mit der Norwegischen

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technisch-naturwissenschaftlichen Universität (NTNU) an staatlichen Schulen statt. Es wur- den Schüler*innen der Sekundarstufe I (fünfte bis zehnte Jahrgangsstufe) befragt.

6.2.1 Der Pretest

Die deutsche Vorstudie wurde in der Sekundarstufe I an einer Schule außerhalb Baden-Würt- tembergs durchgeführt. Es wurde eine integrierte Gesamtschule gewählt, da an dieser Schul- form die Bildungsabschlüsse der Werkreal-, Realschule sowie des Gymnasiums angeboten werden. Somit konnte erprobt werden, ob der Fragebogen sowohl für Schüler*innen, die den (Werk-)Realschulabschluss als auch für Schüler*innen, die das Abitur anstreben, geeignet ist. Ferner nahmen auch Schüler*innen mit Migrationshintergrund an der Piloterhebung teil, so- dass überprüft werden konnte, ob der Fragebogen auch für Schüler*innen anderer Kultur- kreise verständlich war. Insgesamt wurden 61 Schüler*innen befragt. Die Erhebung fand im Laufe eines Vormittags statt und wurde von Mitarbeiter*innen des Projekts durchgeführt. Die Ergebnisse des Pretests führten zu einer erneuten Überarbeitung des Fragebogens, bei dem einzelne Items sprachlich angepasst wurden. Es wurden weitere Items hinzugefügt (z.B. EK01a In der Schule arbeite ich gerne in Gruppen, in denen alle unterschiedlich gut sind) be- ziehungsweise neu strukturiert (z.B. die Aufteilung des Items EK21: Manche Schüler und Schü- lerinnen haben immer eine erwachsene Begleitperson dabei. Ich finde es ok, wenn er oder sie dadurch zusätzliche Erklärungen bekommt in EK21a: Manche Schüler und Schülerinnen haben immer eine erwachsene Begleitperson dabei. Das finde ich okay und EK21b: Manche Schüler und Schülerinnen bekommen zusätzliche Erklärungen von einer erwachsenen Begleitperson. Das finde ich okay).

Nach der Übersetzung auf Norwegisch wurde ebenfalls eine Piloterhebung durchgeführt. Hierfür wurden zwei norwegische Schüler*innen (vierte und zehnte Klasse) gebeten, den Fra- gebogen auszufüllen, diesen laut zu kommentieren und ihre Gedanken zu den jeweiligen Fra- gen laut zu formulieren. Das Alter der beiden Kinder wurde gewählt, um zu eruieren, welche Probleme bei den jüngsten und den ältesten Schüler*innen auftreten könnten. Während des Ausfüllens des Fragebogens wurde genau dokumentiert, was die beiden Schüler*innen an- merkten und an welcher Stelle Probleme auftraten. Dabei wurde auf das Verständnis der Fra- gen geachtet. Es stellte sich heraus, dass einige Wörter (z.B. bortforklare und resultater) für

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die Schülerin der vierten Klasse erklärt werden mussten. Aus diesem Grund wurden einheit- liche Erklärungen für einzelne Begriffe vorformuliert, sodass später eine standardisierte Ant- wort bei Nachfragen gewährleistet werden konnte.

Aus diesen Überarbeitungen entstand der Itempool der Einstellungsfragen zu inklusiver Un- terrichtspraxis, der die Basis für den Fragebogen EFI-kids-D und EFI-kids-N legte (siehe 12.1 Anhang A – Items zu Einstellungen zu inklusiver Unterrichtspraxis).

6.2.2 Die Hauptstudie

Nach der Einwilligung zur Teilnahme der Schulen wurden in Deutschland Elterneinverständ- niserklärungen an die Schüler*innen verteilt, die von den jeweiligen Klassenlehrkräften ein- gesammelt wurden. In Norwegen wurden die Schulen kontaktiert, die Eltern wurden infor- miert und die Schüler*innen konnten jeweils selbstständig entscheiden, ob sie an der Befra- gung teilnehmen wollten oder nicht.

Die Erhebung an einer Schule nahm ein bis drei Tage in Anspruch, je nachdem, wie groß die Schule war und wie viele Schüler*innen sich bereit erklärten, daran teilzunehmen. Am Erhe- bungstag selbst wurde das Projekt kurz vorgestellt und überprüft, ob das Elterneinverständnis vorlag (in Deutschland). Zu Beginn wurden jeweils ein kurzer Instruktionstext hinsichtlich der Freiwilligkeit und Anonymität sowie ein Beispielitem vorgelesen. Im Anschluss daran gab es Raum für Rückfragen und Erklärungen. Die Schüler*innen hatten die verbleibende Zeit einer Schulstunde, um den Fragebogen zu beantworten. In der Regel waren aber jedoch, abhängig von der Jahrgangsstufe (jüngere Schüler*innen benötigten etwas mehr Zeit) 15-30 Minuten ausreichend.

Die Erhebung fand auf vergleichbare Weise in Norwegen statt. Es wurde zudem jeder*m nor- wegischen Schüler*in ein Kugelschreiber zur Verfügung gestellt, um die Lesbarkeit für die elektronische Auswertungssoftware zu gewährleisten. In Norwegen wurden alle Datenerhe- bungen von der Autorin selbst durchgeführt. Auch dort wurde in jeder Klasse der Instrukti- onstext vorgelesen und ein Beispiel für eine mögliche Antwort genannt.

Um den sonderpädagogischen Förderbedarf der teilnehmenden Schüler*innen zu erheben, wurden in beiden Ländern die jeweiligen Lehrkräfte der Klasse (in der Regel die Klassenlei- tung) darüber befragt, welche Kinder und Jugendliche einen offiziell diagnostizierten sonder- pädagogischen Förderbedarf haben. In Norwegen lag das Problem vor, dass Schüler*innen

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vor allem mit den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache sowie Soziale und Emotionale Ent- wicklung häufig keinen offiziellen Entscheid zur Feststellung eines sonderpädagogischen För- derbedarfs (ekeltvedtak) haben. Diese Schüler*innen erhalten im Rahmen des individuell an- gepassten Lernens (tilpasset opplæring) – teilweise auch nur zeitweise im Rahmen der son- derpädagogischen Förderung (Spesialundervisning) – Unterstützung. Aus diesem Grund wurde zusätzlich vor der Erhebung mit jeder Lehrkraft ein Einzelgespräch geführt, um heraus- zufinden, welche Schüler*innen besondere Lernbedürfnisse und -voraussetzungen haben. Dieses Vorgehen erscheint insofern zielführend, da die Einschätzung, ob ein*e Schüler*in son- derpädagogische Förderung (Spesialundervisning) erhält, in Norwegen maßgeblich auf den Urteilen der Lehrkräfte basiert (Frostad et al., 2011). Die Ergebnisse wurden jeweils durch Fragebogennummern anonymisiert vermerkt.

Die Dateneingabe erfolgte in Deutschland mit Hilfe von studentischen Hilfskräften und in Nor- wegen – aus ökonomischen Gründen – mit einer maschinellen Datenerkennung. In jeder Stichprobe wurde die Dateneingabe stichprobenartig überprüft, um mögliche Fehler im Da- tensatz im Vorfeld zu identifizieren.

Nach einer erfolgreichen Datenerhebung in beiden Ländern konnten die deutschen und nor- wegischen Ergebnisse in einen Zusammenhang gesetzt werden, was eine Validierung der Ska- len auf Deutsch und Norwegisch (EFI-kids-D sowie EFI-kids-N) ermöglichte.

Im Dokument Einstellungen zu Inklusion bei Kindern und Jugendlichen – eine komparative Studie in Deutschland und Norwegen (Seite 96-99)