Ärztliche Aufklärung vor Ästhetischen Operationen 24

Im Dokument Kosmetische Operationen im Spannungsfeld zum Strafrecht / eingereicht von: Claudia Skrabl (Seite 32-36)

III. Rechtfertigung durch Einwilligung in Körperverletzung § 90 StGB 22

2. Ärztliche Aufklärung vor Ästhetischen Operationen 24

2.1. Umfang der Aufklärung

Eine rechtswirksame Einwilligung setzt eine ausreichende und umfangreiche Aufklärung des Patienten durch den berechtigten Arzt voraus. Die Aufklärung gehört zu den ärztlichen Pflichten und ist nicht auf anderes Medizinalpersonal delegierbar92.

Grundsätzlich gilt: Je dringender der Eingriff ist, desto geringer sind die Anforderungen an die Aufklärung93 und vice versa. Wenn bei einem Patienten Lebensgefahr besteht, wird man nicht ausreichend Zeit haben, um diesen im Detail über die bevorstehenden Maßnahmen aufzuklären und ein ausführliches Gespräch zu führen. Bei ästhetischen Operationen hingegen spielt der Zeitfaktor keine Rolle und rechtfertigt keine Abstriche bei der Aufklärung. Das Aufklärungsgespräch sollte in einer einfachen und verständlichen Sprache ohne den Gebrauch medizinischer Fachtermini erfolgen.

Rechtsprechung und Lehre gehen davon aus, dass bei medizinisch nicht indizierten ästhetischen Eingriffen die Aufklärungspflichten erhöht sind, da es sich gerade nicht um Heileingriffe handelt und auch keine zeitliche Dringlichkeit besteht. Der Patient ist daher schonungslos über den Eingriff selbst, alle damit verbundenen Risiken, Nebenwirkungen und Folgen aufzuklären. Auch fordert der OGH bei rein ästhetischen Eingriffen, welche nur der Verbesserung des Aussehens dienen, dass der Arzt darüber aufklärt, dass das Ergebnis durch nicht beeinflussbare physiologische oder psychologische Faktoren ganz oder zum Teil nicht erreicht werden kann. „Er muss also konkret darüber aufklären, dass der Patient aus subjektiven Gründen mit dem Operationsergebnis nicht zufrieden sein könnte“.94

Auch über etwaige Misserfolge ist offen, realistisch und schonungslos aufzuklären. Der Patient muss darüber informiert werden, welche Verbesserungen er günstigstenfalls erwarten kann um abwägen zu können, ob er die Risiken zB einer möglichen bleibenden Entstellung oder gesundheitlichen Beeinträchtigung bei einer [lege artis durchgeführten] misslungenen Operation in Kauf nehmen will.

Beim „Facelifting“ zB besteht ein verhältnismäßig hohes Risiko, dass der Eingriff misslingt. Dabei sind eine Hauterschlaffung wesentlich früher als fünf bis zehn Jahre

92 Kaatsch, Aufklärung und Einwilligung in: Henne-Bruns, Chirurgie4 (2012), 43. 93 Penz, Rechtliche Aspekte, in: Weiser, Ärztliche Aufklärung (2009), 27.

94 OGH 1Ob 218/09d RdM-LS 2010/12 (Leischner) = JBl 2010,302 = ZVR 2010/43 S 79 (Danzl,

tabellarische Übersicht) - ZVR 2010,79 (Danzl, tabellarische Übersicht) = RdM 2010/160 S 174 (Leischner, Rechtsprechungsübersicht) - RdM 2010,174 (Leischner, Rechtsprechungsübersicht).

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danach und ein erforderliches Nachliften, bereits nach einem Jahr, durchaus zu erwarten. Generell ist auch über nicht unerhebliche und länger anhaltende Schmerzen aufzuklären. Bei der Beseitigung von Falten unter dem Kinn dem sog. „Neck-face-lifting“ treten häufig auch noch mehrere Jahre später neuralgische Schmerzen in diesem Bereich auf.95

Gerade im Gesichtsbereich ist aufgrund der vielen vorhandenen Nerven eine Sensibilitätsstörung als Folge keine Seltenheit und setzt daher eine Aufklärung darüber voraus.

Höchstgerichtlichen Entscheidungen, die sich immer auf Einzelfälle beziehen, legen keinen standardisierten Aufklärungskatalog fest, sondern geben lediglich einen Rahmen als Orientierung vor.

In der Praxis obliegt es daher der Verantwortung des Arztes, aus den Umständen des konkreten Einzelfalles das bestmögliche und erforderliche Aufklärungsausmaß zu bestimmen und auf die Persönlichkeitsstruktur und den Bildungsstand der Patienten angepasst zu agieren (vgl Art 16 Abs 3 Patientencharta, BGBl I 42/2006).

Unterstützend kann der Arzt vorgefertigte Aufklärungsformulare96 zur Veranschaulichung

verwenden, die aber keinesfalls das persönliche Gespräch ersetzen können.

2.2. Aufklärung iSd ÄsthOpG

In Anlehnung an das Fortpflanzungsmedizingesetz97 sieht das ÄsthOpG ebenfalls eine strenge Aufklärungs- und umfassende Informationspflicht des Patienten vor.98

§ 5 Abs 1 Z 1 bis 9 ÄsthOpG zählt auf, worüber jedenfalls aufgeklärt werden muss wie zB: die Methode des Eingriffs, Wesen, Bedeutung und Tragweite des Eingriffs, angewendete Arzneimittel (zB Narkotika99) inklusive deren Nebenwirkungen, Funktionsfähigkeit und Lebensdauer von Implantaten, Ergebnis des Eingriffs und mögliche Abweichungen, mögliche Komplikationen, Notwendigkeit einer Nachbehandlung und Folgeoperationen oder anfallende Kosten. Bei einer Brustaugmentation zB darf der Arzt nicht unerwähnt lassen, dass es durch die Implantate zu einer Abstoßungsreaktion kommen kann, diese nicht unbegrenzt haltbar sind und dadurch in einigen Jahren eine Folgeoperation

95 Gaisbauer, Ärztliche Aufklärungspflicht bei kosmetischen Eingriffen-Anmerkungen zu OGH 4.7.1991, 6

Ob 558/91, ÖJZ (1993), 25.

96 Kaatsch, Aufklärung und Einwilligung in: Henne-Bruns, Chirurgie4 (2012), 45. 97 FMedG 1992 BGBl. Nr. 275/1992.

98 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 7.

99 Die Anästhesieaufklärung hat der zuständige Facharzt vorzunehmen (zusätzlich zur Aufklärung durch den

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notwendig werden kann oder dass Schwierigkeiten beim Stillen100 auftreten können. Auf

eine mögliche Rotation der Implantate, sichtbarer Ränder oder Faltenbildung ist ebenso hinzuweisen (vgl OGH 27.02.2007, 6 Ob 122/07w).

Relevant sind alle Informationen, um „unrealistische Erwartungen“ an die ästhetische Operation zu vermeiden.101 Der Patient muss sich auch darüber im Klaren sein, dass selbst ein optimales chirurgisches Ergebnis nicht zu 100 % seinen subjektiven Wunschvorstellungen entsprechen könnte. Insbesondere bei Schönheitsoperationen im Gesicht kommt es oftmals nur auf Nuancen an, die das Erscheinungsbild positiv oder negativ verändern.

Hilfreich sind daher auch Computerprogramme, die anhand von 3-D-Modellen dem Patienten ermöglichen, sich von dem voraussichtlichen Ergebnis ein Bild zu machen. Anhand dieser Modelle kann der Arzt dem Patienten den Eingriff und das Ergebnis anschaulich erklären.

Die Aufklärung nach § 5 Abs 1 ÄsthOpG hat sowohl mündlich als auch schriftlich zu erfolgen, ist vom Arzt zu dokumentieren und vom Aufklärungsadressaten mit Unterschrift zu bestätigen. Über die zu erwartenden Kosten ist der Patient mit Hilfe eines schriftlichen Kostenplans zu informieren, da die Eingriffe nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Ein Aufklärungsverzicht bei ästhetischen Operationen nach dem ÄsthOpG ist entgegen Art 16 Abs 4 Patientencharta, der vorsieht, dass der Patient auf die Aufklärung verzichten kann, unwirksam.

2.3. Kontraindikationenfür eine ästhetische Operation

Kontraindikation bezeichnet den Umstand, „der die Anwendung eines diagnostischen oder therapeutischen Verfahrens bei an sich gegebener Indikation in jedem Fall verbietet (absolute K.) bzw nur unter strenger Abwägung sich dadurch ergebender Risiken (relative K.) zulässt“.102

Wichtig bei der Anamneseerhebung durch den Arzt ist, dass der Patient ehrlich Auskunft über seine Krankengeschichte gibt und nichts, was für den geplanten Eingriff von Bedeutung ist, wissentlich verschweigt.

100 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 7. 101 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 7.

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Dabei sind alle persönlichen Umstände des Patienten, insbesondere vorhandene Krankheiten, Nikotinabusus, Operationen, Medikamenteneinnahme oder familiäre Risikofaktoren, einzubeziehen, um das Komplikationsrisiko abschätzen zu können.103 Probleme können sich bei speziellen psychischen Erkrankungen ergeben, welche die Ursache für den Wunsch nach einer ästhetischen Operation darstellen, im Aufklärungsgespräch aber nicht offengelegt werden. Hegt der Arzt daher im Rahmen des Gesprächs einen diesbezüglichen Verdacht, hat er vor Durchführung des Eingriffs einen klinischen Psychologen oder einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin beizuziehen. Dieser hat in einem Beratungsgespräch die Erwartungen an die Operation und dahinterstehende Motivationen festzustellen. Im Rahmen der Anamnese sind ein psychologischer Test und eine psychiatrische Untersuchung durchzuführen.104 Ein ästhetischer Eingriff bei Vorhandensein krankhafter psychischer Störungen, wie körperdysmorphen Störungen, Essstörungen, Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht) und Binge Eating Disorder (Essstörung) wäre demnach absolut kontraindiziert. Der Grund dafür liegt bei den körperdysmorphen Störungen va in der Tatsache, dass selbst wenn die Operation, rein objektiv betrachtet, ein hervorragendes Ergebnis erzielt, dieses subjektiv nicht so empfunden wird und in weiterer Folge Operationen an anderen Körperteilen angestrebt werden.105

Der Berufsverband der Österreichischen Psychologinnen und Psychologen vertritt in seiner Stellungnahme zum Entwurf des ÄsthOpG ebenfalls die Meinung, dass Personen, die an psychischen Störungen leiden in der Modifikation und Veränderung ihres Körpers keine dauerhafte Linderung erfahren, sondern ganz im Gegenteil die nächste ästhetische Operation bereits kurz darauf erneut anstreben.106 Diese Körperwahrnehmungsstörungen sind der wahre Grund für eine ästhetische Operation und diese ist daher kontraindiziert. Psychische Störungen werden dem Arzt oftmals verschwiegen und erhöhen dadurch das Risiko medizinischer Komplikationen.107

Im Ergebnis würde somit eine ästhetische Operation nichts am Gesundheitszustand bzw an der Körperwahrnehmung des Patienten verbessern.

103 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 7. 104 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 8. 105 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 8.

106 SN Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen Wien ME zum Entwurf des

ÄsthOpG 5/SN-375/ME 24. GP 2.

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